Mediterranes Glück, glitzerndes Meer, feines Essen, belebende Drinks – die Privatsammler zeigen im Sommer gern ihre Kostbarkeiten, illustrieren ihre Kunstsinnigkeit, ihre Erwerbungslust mit großzügigen Einblicken in paradiesisches Ambiente. Zumindest ein paar Monate im Jahr lassen sie das touristische Publikum demonstrativ an ihren elitären Anschaffungen und ihrem (nicht immer perfekt ausgeprägten) Gespür für gute Investitionen teilhaben.
Als die mäzenatisch orientierte Schwarz Foundation vor gut zehn Jahren gegründet wurde, lag Griechenland, genauer dessen Staatsgefüge, am Boden. Bewegungsunfähig. Die Verhandlungen mit den mehr oder weniger wohlgesinnten europäischen Nachbarn waren kompliziert, überwiegend unerfreulich und auf jeden Fall zäh. Aus Gründen. Vor allem im kulturellen Bereich kam es auf finanziell gut ausgestattete Privatinitiativen an, die wenigstens einem Niedergang der unterschiedlichsten Förderungen entgegenwirken mussten. Die Schwarz Foundation, die ihr Vermögen bis heute nicht für Ankäufe und lohnende Kunstinvestitionen einsetzt, nahm Bereiche wie zeitgenössische Musik und bildende Kunst ins Visier. Zunächst mit einem Musikfestival auf Samos.
Chiona Xanthopoulou-Schwarz, die Geschäftsführerin der Foundation, ist gebürtige Griechin. Gerade in einer Zeit, in der wirtschaftliche und ökologische Krisen begannen, war Griechenland auch in seiner geopolitischen Position zwischen Ost und West das überzeugende Modell für die Fragilität des europäischen Gedankens. Der philanthropische Impuls zündete.
Katerina Gregos kuratiert die Schau „Fragments and Futures“
Seit 2010 gibt es das Young Artists Festival auf Samos. Eine Konzertreihe mit international herausragenden jungen Solisten und Komponisten, die alljährlich Atmosphäre, Austausch und Wertschätzung auf der Mittelmeerinsel genießen. Konfrontiert mit den zeittypischen Herausforderungen eines Orts mit tiefgreifender antiker Vergangenheit, einer herzzerreißenden Situation in hoffnungslos überfüllten Flüchtlingslagern (Samos liegt anderthalb Kilometer vor der türkischen Küste) und einem allsommerlichen Heer von Badetouristen.
Vor neun Jahren ließ die Foundation ein ehemaliges Hotel an der Mole der kleinen Hafenstadt Pythagoreia in ein puristisches Ausstellungsgebäude umbauen. Jeden Sommer stellten fortan aufstrebende, aber auch etablierte Künstler Beiträge zu zeitgenössisch relevanten Themen vor. Seit Jahren schon und mit nie versiegender Ambition kompiliert Katerina Gregos, die Direktorin des Athener Museums für zeitgenössische Kunst, ein anspruchsvolles, mal irritierendes, mal illustrierendes Panorama. Es werden Bezüge zu aktuellen Befindlichkeiten, zu visionären Ideen und auch haarsträubenden politischen und gesellschaftlichen Bedingungen hergestellt.
Mit der Schau „Fragments and Futures“ vermittelt Gregos ein Bild unserer Zeit mit dem im Grunde nicht verblüffenden, aber allzu großzügig vergessenen Ergebnis, dass uns zwar Jahrtausende von der Antike trennen, wir aber bis heute engmaschig mit ihr verknüpft sind. In ihrem Katalogvorwort schreibt sie: „Die Ausstellung verdeutlicht, dass der Blick zurück gleichzeitig ein Blick nach vorn ist. Indem wir die Vergangenheit ausgraben, legen wir neue Wege zum Verständnis der Gegenwart und zur Betrachtung der Zukunft frei.“
Zu den eindringlichsten Positionen der klug kuratierten und nicht im Geringsten auf mediterranes Flair und Urlaubsstimmung ausgerichteten Präsentation gehört das tönerne und wunderschöne Totem der mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Griechin Natalia Manta. Die übermannsgroße Skulptur „Faceless Entity“ bezieht sich mit teils archaischen, ornamental gesetzten bildhaften Wissens- und Heritagefragmenten, mit anekdotischen Codes und kulturellen Verweisen auf die wechselvolle Geschichte der Insel. Auf ihr heute zwar manchmal kryptisches, dennoch wirksames mythologisches Narrativ und auf ihre kosmo- und geopolitische Bedeutung. Mit dem gesichtslosen Kopf beschreibt Manta den Begriff der Zeit als anonyme Kraft, die Geschichte und Kultur über die Jahrhunderte immer aufs Neue durchdringt.
Eine vollkommen fiktive Geschichte haben sich Theopisti Stykianou-Lambert und Alexia Achilleos ausgedacht. Eine Geschichte, die plausibler nicht sein könnte. Sie stellen mit Dias unter anderem aus den Archiven des Ashmolean und des British Museum das „Archive of Grigoris Antoniou“ vor. Der zypriotische Leiter von denkwürdigen Ausgrabungen im Mittelmeerraum ist in Vergessenheit geraten. Es existieren keine historisch gesicherten Aufnahmen von ihm und seiner Tätigkeit – bis auf eine.
Die Geschichte elektrisierte die beiden forschenden Künstlerinnen und setzte ihre Vorstellungswelt in Gang. Sie orchestrierten die wenigen originalen Diapositive von Ausgrabungen der 1910er- und 1920er-Jahre und ergänzten sie mit KI-generiertem Fotomaterial. Historische und spekulative Bildinformation floss dergestalt ineinander. Hätte so Antonious fotografische Dokumentation des Alltags, der Landschaften, der ausgegrabenen Objekte ausgesehen?
Auch Statuen sterben
In einem begleitenden Film erstellt und ordnet ein fiktiver Museumsmitarbeiter dieses vermeintliche Archiv und erkundet Leben und Werk des Meisters. Er verlässt sich dabei auf die Informationen und Kommentare des „Museum-Bots“. Die daraus entstehende, bisweilen sehr witzige Mailkorrespondenz macht aus der fraglos objektiven Wissensvermittlung eines Archivs einen Ort der Ungewissheit, ein Gefüge, über das man sich noch einmal, vor allem mit kritischem Verstand, beugen muss. Schon gleich, weil der durch die kolonialgeschichtlichen Behauptungen ausnahmslos vernebelt ist.
Ein frühes und sehr geistreiches Beispiel, ein entlarvender Versuch, die „White Supremacy“ grundsätzlich als Auslöser für Unterdrückung und humanitäre Verbrechen einzuordnen, ist der grandiose Film von Alain Resnais und Chris Marker. „Les Statues meurent aussi“ („Auch die Statuen sterben“) war der erste und grundlegende filmische Essay, der sich 1953 mit dem Verhältnis von afrikanischer Kunst, Kolonialismus und westlichen Museen respektive Sammlungen auseinandergesetzt hat. Elegant in der Form (Kamera: Ghislain Cloquet), mystisch und poetisch in der Anmutung und schonungslos in der Klage.
Afrikanische Objekte, so das Credo, sind keine Meisterwerke, die sich als ästhetische Kostbarkeiten irgendwie in den dominanten westlichen Kanon exotischer Entdeckungen einfügen lassen. Sie sind ein für allemal nicht von ihren Communitys, deren Ritualen und Glaubensbekenntnissen zu trennen, denn nur in diesem originären Zusammenhang behalten sie die ihnen zugeschriebene Bedeutung – und Kraft.
Da dieser Film im erweiterten Sinn den Zusammenhang von Ausbeutung und Rassismus anprangerte, wurde er prompt nach dem ersten Erscheinen von der französischen Regierung über ein Jahrzehnt lang zensiert. Bis heute ist er in hohem Maß richtungsgebend für die absolut unabhängige Betrachtung der Kulturen. Er wendet sich ausnahmslos gegen koloniale Absichten oder Perspektiven. Und ist inzwischen zur stichhaltigen Überlieferung geworden, deren fragmentarisches Echo für immer nachhallt.
Die slowakische Künstlerin Lucia Tallová, die in diesem Jahr von der Deutschen Bank als Artist of the Year prämiert wurde, arrangiert in ihren Zeichnungen realistisch dargestellte Akte mit materiellen Fundstücken antiker Architekturen zu einer oft collagierten, vielfach surreal anmutenden Koexistenz. Dabei kommt es in der Regel zu wahnwitzigen Situationen, in denen einstürzende Tempel, zusammenkrachende Säulen und grotesk verstümmelte Monumente von schönen nackten Frauen im Gleichgewicht gehalten werden.
Chiona Xanthopoulou-Schwarz verkörpert den philanthropischen Gedanken konsequent, meidet ausgetretene Pfade und hat sich bei aller privaten und international gesellschaftlichen Unterstützung schon allein dadurch, dass sie sich von Markterscheinungen – ob gediegenen oder gehypten – fernhält, eine große Unabhängigkeit bewahrt. Und es ist ihr gelungen, für ihre Projekte hochqualifizierte Kuratoren und Leiter zu interessieren. Sie hat die dafür wohl sauberste Methode gewählt, bringt sich ausschließlich als Mäzenin ein, als großzügige Organisatorin, jenseits aller Hybris oder Investorenlogik und voller Neugier.
Samos ist ein sehr spezieller Ort. Ost und West sind hier quasi lediglich durch eine unsichtbare, dabei alles überwölbende Glaswand voneinander getrennt. Zeitgenössisch ausgerichtete Ausstellungen, die sich auf die Vergangenheit und deren nie versiegende Wirkmacht beziehen, lassen sich auch hier nicht durchweg reibungslos organisieren. Gelingt das mit Sachverstand, einer Portion Hingabe und dem Verzicht auf vordergründige Dialoganordnungen, ist viel erreicht und die Kunst hat als ernstzunehmender politischer Kommentar gewonnen.