Kultur

Erst Action, dann Komödie, am Ende Tränen – das Erfolgsrezept des koreanischen Kinos

Erst Action, dann Komödie, am Ende Tränen – das Erfolgsrezept des koreanischen Kinos

Von außen betrachtet erlebt das koreanische Kino eine nie dagewesene Blütezeit. Spätestens seit Bong Joon-hos „Parasite“ 2019 in Cannes die Goldene Palme gewann und „Squid Game“ die Welt eroberte, gilt Südkorea als die Filmnation, von der Hollywood lernen kann. Im Land selbst klingt das anders. Dort ist von Krise und Geldnot die Rede, Park Chan-wook brachte es im Gespräch mit WELT auf die Formel: „Die Kinos sind leer.“

Na Hong-jin hält mit dem Größten dagegen, was er je gedreht hat. Zehn Jahre nach „The Wailing“, seinem Schauerstück über Besessenheit und Aberglauben in einem Dorf in den Bergen, spielt „Hope“ in einem Kaff an der Grenze zu Nordkorea, so abgelegen und schäbig, dass man dort Tiger vermuten könnte. Was dann tatsächlich über den Ort herfällt, ist schlimmer. Es gibt eine Dorfpolizei, die jeder Lage hinterherhechelt, Verfolgungsjagden, wie sie Na Hong-jins Publikum seit „The Chaser“ liebt, und zum ersten Mal Computereffekte im großen Stil, denn die Angreifer kommen aus dem All. Gespielt werden sie unter anderem von Michael Fassbender und Alicia Vikander, die man unter den Masken praktisch nicht erkennt. Im letzten Viertel kippt die Perspektive, und man ertappt sich dabei, mit den Monstern zu fühlen.

Im Mai lief „Hope“ im Wettbewerb von Cannes, in einem Jahr, in dem Hollywood dem Festival fernblieb und ausgerechnet ein Koreaner den lautesten Film mitbrachte. Wir treffen uns in einer der Plages, jener Strandclubs an der Croisette, in denen zwischen Sonnenschirmen, Kellnern und Publicity-Leuten ein ständiges Gewimmel herrscht. Na Hong-jin kommt ein paar Minuten zu spät. Er hat noch aufs Meer geschaut und eine Zigarette geraucht.

WELT: Nach „The Chaser“ und „The Yellow Sea“ erwartet man von Ihnen harte Thriller. Mit „The Wailing“ sind Sie ins Fantastische abgebogen, jetzt mischen Sie Action, Science-Fiction und Komödie in großem Maßstab. Ist „Hope“ etwas Neues oder eine Fortsetzung Ihrer Arbeit?

Na Hong-jin: Ich würde sagen, eine Fortsetzung. Vor zehn Jahren, nach „The Wailing“, kam ein Filmkritiker auf mich zu, mit dem ich mich gut verstehe, und sagte: „Jetzt erkenne ich deinen Stil wirklich.“ Das war für mich beinahe ein Schock. Ich war innerlich, ganz still, verletzt davon. Ich dachte: Ah, jetzt passiert es mir also auch, dieses Phänomen, das andere trifft, trifft nun auch mich. Und ich habe sehr ernsthaft darüber nachgedacht, einen anderen Film zu machen, und mich dieser Aufgabe mit aller Kraft gewidmet. Doch während der Arbeit habe ich gemerkt, was Sie gerade beschreiben: Es gibt da etwas in mir, das in meinen Filmen immer wieder erscheint.

WELT: Was wäre das?

Na: Jene Elemente, die man als meine Handschrift wiedererkennt, unter anderem bestimmte Momente in den Verfolgungsszenen. Beim Drehen und später beim Schnitt habe ich mich gefragt: Ist das jetzt ein Déjà-vu, oder habe ich das tatsächlich schon einmal erlebt? Und ich bin auf viele solcher Momente gestoßen, die aus meiner Erfahrung mit meinen früheren Filmen stammen.

WELT: Vertraut kam mir auch die dumme, schwache Polizei vor, wie in „The Chaser“ – und wie bei so vielen koreanischen Regisseuren, bei Bong Joon-ho etwa in „Memories of Murder“. Warum wird die Polizei ausgerechnet in einer so hierarchischen Gesellschaft, in der sie großen Respekt genießt, im Kino so oft als inkompetent gezeichnet?

Na: Die Erklärung ist einfach: In der Zeit, in der diese Filme spielen, war die Polizei tatsächlich so. Sie war wirklich so inkompetent, wie die Filme sie zeigen. Aber sie hat sich seither weiterentwickelt, und heute ist sie nicht mehr so, wie Sie sagen.

WELT: Eine sehr weise Antwort.

Na: Ja, aber sie ist auch wahr. Das stimmt wirklich.

WELT: Der Film spielt nah an der Grenze zu Nordkorea. Wie wichtig ist Ihnen dieser Schauplatz, hat er eine metaphorische Dimension?

Na: Ich habe diesen Schauplatz gewählt, weil ich in diesem Land einen Ort finden wollte, der so abgelegen, so klein, so unbedeutend, so schäbig und so abgeschnitten von allem anderen ist wie nur möglich. Denn das war die Geschichte, die ich erzählen wollte: dass ein winziger Vorfall in einer Stadt, die so klein und unbedeutend ist, sich zu etwas auswachsen kann, das das gesamte Universum betrifft. Wie Sie vom Ende des Films her wohl ahnen können, wird diese kleine Tragödie zu etwas anwachsen, das so groß ist, dass es den ganzen Weltraum erfassen kann. Aus diesem Grund also. Ich wollte einen Ort, der relativ unbekannt und sehr abgelegen ist.

WELT: Und wo Tiger streunen könnten.

Na: Richtig.

WELT: Der Film endet fast mit einem Cliffhanger. Ist die Fortsetzung schon in Arbeit?

Na: Ich habe im Moment keine konkreten Pläne, auch wenn der Film Teil einer größeren Erzählung ist. Ich wollte diesen Film genau so machen, wie er ist – und so, dass er als eigenständiger Film genügt.

WELT: Aber wollen würden Sie? Sie setzen erstmals massiv auf CGI. Ist das ein Weg nach vorn, oder kehren Sie zum psychologischen Thriller zurück, für den Sie berühmt sind?

Na: Ich hoffe wirklich, dass sich diese Gelegenheit ergibt. Hätte ich diese Hoffnung nicht gehabt, hätte ich Michael Fassbender, Alicia Vikander, Taylor Russell und Cameron Britton gar nicht erst an Bord geholt. Das hätte ich nicht getan, wenn ich nicht wollte, dass es dazu kommt.

WELT: Die internationalen Stars sind praktisch nicht zu erkennen. Warum haben Sie sie besetzt – hätten das nicht auch koreanische Schauspieler spielen können?

Na: Meine Absicht war, dass man sie erkennt, ohne dass einem gesagt wird, wer die Rolle spielt. Wenn man genau genug hinsieht, sieht man es.

WELT: Ist es ein logischer nächster Schritt für das koreanische Kino, mehr westliche Schauspieler zu besetzen, wie Thomas Kretschmann in „A Taxi Driver“ – und umgekehrt koreanische Stars wie Jung Ho-yeon international zu etablieren?

Na: Ich glaube nicht unbedingt, dass es ein logischer Schritt ist oder die Richtung, in die wir gehen sollten. Ich habe diese Schauspieler schlicht aus Notwendigkeit besetzt, weil mein Film sie brauchte. Man mag darüber anderer Meinung sein, aber ich fand, dass genau sie diese Figuren spielen mussten. Einer der Gründe ist: Sollte es zu einer Fortsetzung, einem weiteren Film aus diesem Stoff kommen, könnte er sich um diese Außerirdischen drehen. Sie würden eine zentralere Rolle in der Erzählung spielen, und dafür brauchte ich gute, verlässliche Schauspieler.

WELT: Im letzten Viertel gerät man in die Perspektive der Aliens. Erst sind sie wilde Wesen, dann beginnt man, mit ihnen zu fühlen – von dem Moment an, in dem der Polizist die Tränen in den Augen des Monsters sieht.

Na: Es ist ein großes Glück, dass Sie das so empfunden haben.

WELT: Nähern Sie sich damit den Monsterliebhabern, Guillermo del Toro oder Peter Jackson, der dieses Jahr seine Goldene Palme bekommen hat? Sie umarmen das Monster als das Andere des Menschen, als Metapher für Außenseiter und Verstoßene.

Na: Ich glaube nicht, dass das bei mir der Fall sein wird. Diesen Weg werde ich nicht gehen.

WELT: Von außen betrachtet erlebt das koreanische Kino eine Blütezeit, „Squid Game“ hat das noch verstärkt. In Korea selbst ist von Krise und Finanzierungsproblemen die Rede. Wo steht das koreanische Kino in fünf bis zehn Jahren?

Na: Das ist für viele Filmemacher in Korea eine Sorge, aber am Ende hängt es wirklich vom Publikum ab. Die Zuschauer sind es, die den Griff des Schwerts in der Hand halten. Wir für unseren Teil versuchen, gemeinsam einen Ausweg zu finden. Und ich hoffe und glaube wirklich, dass sich die Dinge zum Besseren wenden werden.

WELT: Zum Schluss: Die für westliche Augen eigenartige Mischung aus Action, Horror und Komödie – ist das eine koreanische Tradition, in der Kultur verwurzelt, in Volksmärchen etwa? Woher kommt sie?

Na: Es ist merkwürdig, aber Koreaner lieben offenbar Filme, die in Tränen enden. Wenn sie sich die Augen ausgeweint haben, führt das oft zum Erfolg an den Kinokassen. Zugleich liebt das koreanische Publikum komödiantische Elemente, also müssen die auch hinein. So viele Dinge, die das koreanische Publikum liebt – und wir versuchen, sie alle in unseren Film zu packen. Wir erforschen die Struktur, feilen daran, polieren sie, damit das Publikum den Film liebt. Ich vermute, so entstehen am Ende diese Art von Filmen.

Na Hong-jin, geboren 1974, ist einer der prägenden Regisseure des jüngeren koreanischen Kinos. Sein Debüt „The Chaser“ (2008) und „The Yellow Sea“ (2010) machten ihn zum Meister des Thrillers, „The Wailing“ (2016) erweiterte das Register um Horror und Übernatürliches. Sein neuer Film „Hope“ lief im Mai 2026 im Wettbewerb von Cannes und startete im Juli in Südkorea; in Deutschland bringt ihn Mubi heraus.

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