Berlin – Evan Gershkovich kam als einfacher Reporter nach Russland. Als Kind russisch-jüdischer Eltern, der in Amerika aufgewachsen war, wollte er die Heimat seiner Vorfahren erkunden. Er wollte über ein wunderschönes Land berichten, das erneut in die Diktatur rutschte. Und er hoffte, dass sein amerikanischer Pass ihn vor größeren Unannehmlichkeiten bewahren würde.
Ein Irrtum, wie sich herausstellte. Der amerikanische Pass machte ihn zur Zielscheibe für den russischen Geheimdienst. Und Gershkovich, der als Reporter stets über andere Menschen berichtet, wurde selbst zum Protagonisten eines globalen Geheimdienstkrimis.
Am 29. März 2023 verhafteten Offiziere des russischen Inlandsgeheimdiensts Gershkovich unter frei erfundenen Vorwänden. Am 1. August 2024 wurde er im spektakulärsten Gefangenenaustausch seit dem Kalten Krieg freigelassen. Im Gegenzug ließ der damalige deutsche Kanzler Olaf Scholz auf Bitten von US-Präsident Joe Biden den in Deutschland inhaftierten „Tiergarten-Killer“ Wadim Krassikow frei.
Nun hat Evan Gershkovich ein Buch über seine Geschichte geschrieben: „Dieses verfluchte wunderschöne Land: 491 Tage in russischer Haft.“ Am 30. September erschien es in Deutschland, nun traf er Paul Ronzheimer zum Interview.
Es wurde ein Gespräch von Korrespondent zu Korrespondent, von Kriegsreporter zu Kriegsreporter. Ronzheimer befragte Gershkovich stellenweise nicht wie einen Interviewpartner, sondern wie eine Version seiner selbst.
Denn auch er stand im Donbass auf Fahndungslisten pro-russischer Separatisten, wurde von Taliban-Kämpfern in Afghanistan gesucht und im Libanon im Auftrag der Hisbollah für 24 Stunden festgenommen. Anders als Gershkovich konnte Ronzheimer seinen Kopf immer rechtzeitig aus der Schlinge ziehen. Doch anders als Gershkovich hatte Ronzheimer noch nie das Pech, von Wladimir Putin als nützliche Faustpfand gesehen zu werden, um einen Auftragskiller freizupressen.
Ein Gespräch zweier Reporter über Russland, Verrat und die Freiheit.
TEIL 1: RUSSLAND, WUNDERSCHÖNES LAND?
Gershkovichs Mutter kam aus dem früheren Leningrad, heute Sankt Petersburg, nach Amerika. Sein Vater wanderte aus der ukrainischen Hafenstadt Odessa ein und lebte in Brighton Beach, einer „post-sowjetischen Enklave“ in New York, die wegen der vielen jüdischen Einwanderer aus der Sowjetunion „Klein-Odessa“ genannt wird.
„Für Amerikaner bin ich Evan, aber zu Hause bin ich eigentlich Ivan oder Wanja. Ich war immer Wanja. Wir haben Russisch gesprochen. Wir haben sowjetische Zeichentrickfilme geschaut statt amerikanischer. Wir haben russisches Essen gegessen.“
Als Siebenjähriger fliegt er mit seiner Mutter zum ersten Mal nach Russland: „Eine meiner ersten Erinnerungen ist, wie zwei Jugendliche angerannt kamen. Einer stieß eine Freundin meiner Mutter von hinten, der andere riss ihr die Handtasche weg und rannte davon. Ich wurde also gleich mit den rauen, chaotischen Verhältnissen im Russland der 90er-Jahre konfrontiert.“
2017 kommt er als Reporter nach Russland. Der russische Raub der Krim und der Krieg in der Ostukraine sind drei Jahre alt. In Moskau organisiert der schillernde Oppositionelle Alexej Nawalny Proteste gegen das korrupte Putin-Regime. Gershkovich genießt das Leben. Er spielt Fußball in einer russischen Hobby-Mannschaft, lernt das Nachtleben kennen. 45 Minuten außerhalb Moskaus fährt er regelmäßig in ein „Datscha“-Landhaus, macht im Winter Langlauf.
Als amerikanischer Journalist genießt Gershkovich weitreichende Privilegien im autoritären Russland. „Die unabhängigen russischen Medien standen damals zwar schon unter Druck, konnten aber noch arbeiten. Die ausländische Presse hingegen wurde weitgehend in Ruhe gelassen. Innerhalb des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB gibt es eine Abteilung, die Journalisten überwacht. Aber damals konnten ausländische Medien im Grunde über alles berichten, worüber sie wollten.“
TEIL 2: DIE FALLE
Mit dem Überfall auf die gesamte Ukraine am 24. Februar 2022 verschärft Putin auch die Repressionen im Land. Wer den Überfall als „Krieg“ bezeichnet, muss ins Gefängnis. Die offizielle Sprachregelung lautet „Militärische Spezialoperation“. Gershkovich fragt sich, ob sich die Regeln auch für ausländische Reporter geändert haben – und ob das für ihn gefährlich sein kann.
Doch Gershkovich berichtet weiter. Und merkt nicht, wie das Regime ihm eine Falle stellt.
Am 29. März 2023 recherchiert er für das „Wall Street Journal“ über die russische Rüstungsproduktion. In einem Steakhaus in Jekaterinburg trifft er einen Russen, von dem er sich einige Hinweise oder Kontakte erhofft. Er ahnt nicht, dass der Mann ein Lockvogel ist.
„Damals machte ich mir Sorgen um meinen Informanten und nicht um mich selbst. Im Rückblick war das natürlich naiv. Ich wollte nicht, dass er irgendetwas tut, womit er sich selbst belasten könnte. Deshalb sagte ich ihm: ‘Bring höchstens ein paar Notizen mit, falls dir das hilft, etwas zu erklären.’ Doch dann drückte er mir sofort diese Papiere in die Hand. Acht zusammengefaltete Blätter. Ich faltete sie auseinander. Es waren DIN-A4-Seiten, auf die er Tabellen gezeichnet hatte, die im Grunde wie offizielle Dokumente aussahen.“
Gershkovichs Instinkte springen an: „Ich saß also da, und plötzlich hatte ich das Gefühl, als würde der ganze Raum schwanken. In diesem Moment wurde mir klar, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte.“
Rückblickend weiß er: „Ich bin in einer Falle getappt“, sagt Gershkovich. „In diesem Moment hatte ich potenziell belastendes Material angenommen.“
Wenige Minuten später wird Gershkovich von sechs FSB-Offizieren im Lokal festgenommen. Der lächerliche Vorwurf: Spionage. Kurz darauf erklärt Putins Sprecher, man habe den Amerikaner „auf frischer Tat erwischt“.
TEIL 3: IN PUTINS KNAST
Gershkovich wird zuerst in das Untersuchungsgefängnis Lefortowo in Moskau gebracht, das dem FSB untersteht, und später nach Jekaterinburg verlegt. Mal sitzt er in Einzelhaft, mal hat er Zellengenossen. Der Reporter ahnt früh, warum er wirklich festgenommen wurde. „Mir wurde ziemlich schnell klar, dass die Russen gezielt amerikanische Gefangene anhäuften, damit Washington Druck auf Berlin ausübt.“
Denn in einem deutschen Gefängnis saß jemand, den Putin unbedingt zurückhaben wollte. „Ich vermutete, dass ich festgenommen wurde, um später gegen den Tiergarten-Mörder ausgetauscht zu werden.“
Gemeint: Wadim Krassikow, der 2019 im Kleinen Tiergarten mitten am Tag einen Regime-Gegner im Auftrag Moskaus ermordet hatte. Er wurde gefasst und zu lebenslanger Haft verurteilt.
In seinem Kopf geht der Journalist durch, wen der Westen – außer ihm, natürlich – von Putin für Krassikow verlangen könnte. Ganz oben auf der Liste steht ein Name: die inhaftierte Oppositionsikone Alexej Nawalny.
Während des Hofgangs am 16. Februar 2024 – Gershkovich ist nun fast ein Jahr in Haft – passiert etwas Ungewöhnliches. Die Radio-Sendung wird für eine wichtige Mitteilung unterbrochen: Nawalny ist in der Strafkolonie „Schneeeule“ am Polarkreis überraschend verstorben.
Im Fernsehen sieht Gershkovich, wie Nawalnys Frau Julia auf der Münchner Sicherheitskonferenz vom Tod ihres Mannes erfährt. Dann merkt er, was dieser Tod für ihn bedeuten kann. „Ich dachte damals: Jetzt komme ich hier niemals mehr raus. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie dieser Deal doch noch zustande kommen sollte.“ Er beschloss, nicht mehr zu hoffen und das Gefängnis als sein Zuhause, als seine Zukunft zu akzeptieren. „Das war jetzt eben der Ort, an dem ich lebte.“
TEIL 4: DER DEAL
Gershkovich findet sich mit seinem Gefängnis-Leben ab. Er liest Bücher über russische Geschichte und ernährt sich von „erträglichen“ Suppen und einer Vielzahl von Brei-Sorten.
Derweil verhandeln Washington, Berlin und Moskau den größten Gefangenenaustausch seit Jahrzehnten. Olaf Scholz sagt Joe Biden zu, die Freilassung des Tiergarten-Mörders zu ermöglichen. Im Gegenzug sollen russische Oppositionelle sowie eine Reihe westlicher Staatsbürger freikommen, die in Russland unter fadenscheinigen Gründen inhaftiert wurden – darunter auch Evan Gershkovich.
Als er von seiner Anwältin erstmals davon erfährt, ist seine erste Reaktion: „Ich bin dafür nicht bereit.“ Danach überkommt ihn eine unglaubliche Vorfreude. Am Tag des Austauschs muss er unzählige Formulare unterschreiben. „Was wir oft vergessen: Putin ist Jurist. Er hat Jura studiert. Und das ganze System ist unglaublich formalistisch, obwohl die Verurteilungsquote bei 99,7 Prozent liegt.“
Was dann passiert, weiß die ganze Welt. Die Gefangenen werden aus aller Welt in die Türkei geflogen und dort ausgetauscht. Die russischen Oppositionellen fliegen nach Deutschland weiter. Auftragsmörder Krassikow steigt in ein Flugzeug nach Russland und wird, gemeinsam mit anderen freigelassenen Agenten, von Putin persönlich am Rollfeld begrüßt.
Für Gershkovich geht es zurück nach Hause. Er begrüßt Joe Biden – und reißt seine russische Mutter von den Beinen, als sie ihm endlich in die Arme fällt.
Wird er je wieder nach Russland, dieses „verfluchte, wunderschöne Land“, je wieder betreten?
Dafür müsste Putin „nicht mehr an der Macht und auch nicht mehr am Leben sein“, sagt Gershkovich. „Ich würde unglaublich gerne irgendwann wieder nach Russland reisen. Dieses Land bedeutet mir sehr viel. Ich bin nicht besonders optimistisch, aber ich bin erst 34 Jahre alt, und die Geschichte ist lang. Vielleicht, vielleicht ergibt sich irgendwann doch noch eine Gelegenheit.“