Kultur

Gegen die Arroganz der Macht – warum wir wieder Dissidenten brauchen

Gegen die Arroganz der Macht – warum wir wieder Dissidenten brauchen

Der Begriff „Dissident“ ist nach wie vor mit Nimbus und Aura ausgestattet, doch er bezeichnet kein klares Rollenverhalten oder gar einen geschützten Beruf. Entsprechend hoch ist seine Anziehungskraft für alle möglichen Wichtigtuer und Profilneurotiker, von rechts, links oder „libertär“.

Der amerikanische Journalist Gal Beckerman („The Atlantic“), der bereits Bücher über die Explosivkraft von Ideen und über den Exodus der sowjetischen Juden veröffentlicht hat, hält sich in seiner aktuellen Schrift mit dem programmatischen Titel „Wie man Dissident wird“ nicht lang mit Klagen über den Begriffsklau auf. Gut so, denn weder Donald Trump, der sich nach der verlorenen, von ihm lügnerisch als „gestohlen“ bezeichneten Wahl von 2020 einen „politischen Dissidenten“ nannte, noch die im Dunstkreis der Maga-Bewegung hetzenden Influencer, Medien und Thinktank-Menschen sind für Beckerman satisfaktionsfähig.

Im Gegenteil, die gleichgeschaltete Wirklichkeit, die diese manipulativen Zeitgenossen mit dem bigotten Verweis auf „Meinungsfreiheit“ anpeilen, erinnert den Autor an die McCarthy-Jahre und an den Rassismus der „Jim-Crow-Südstaaten“.

Beckermans Anleitung zum dissidentischen Denken ist in lauter Kapitel gegliedert, die mit „Sei ...“-Imperativen beginnen. De facto sind es Ratschläge eines Ehemanns und Vaters zweier Töchter, für den Zivilität und Selbstreflexion unabdingbar sind für jedes Denken und Handeln. Ausgehend von der lateinischen Ur-Bedeutung des Dissidentischen, die ein Abseits-Sitzen bezeichnet, beginnt das schmale, konzise Buch mit einem „Sei allein“, das eben nicht eine selbstgerechte Überlegenheit gegenüber einer vermeintlich tumben Masse meint, sondern die größtmögliche Ferne gegenüber Tyrannei.

Von Diogenes bis Albert Camus

Der Dichter Ossip Mandelstam und dessen Schicksal unter Stalin, Václav Havels Reflexionen, jedoch auch die smarten Frechheiten einer US-Serie wie „South Park“ sind Gal Beckermans Bezugspunkte. Als Leser folgt man ihm dabei auch deshalb gern, weil er keine sterile Ahnengalerie aufruft oder billig anpreist, sondern immer wieder die existenzielle Dissidentenfrage umkreist: „Kann ich mit mir selbst leben?“ Die skrupulöse Prüfung dessen, was für einen selbst noch tolerierbar ist und was zum Widerstand führen muss, geht also der öffentlichen Wortmeldung voraus. Dass dies einen flexiblen Geist fordert, zeigen Kapitel wie „Sei pessimistisch“, „Sei witzig“, „Sei vernünftig“, „Sei wachsam“, die – ohne auftrumpfendes Namedropping – eine Traditionslinie ziehen von Baruch Spinoza bis Alexej Nawalny, von Diogenes’ antidespotischem „Geh mir aus der Sonne“ bis zu Albert Camus’ Einspruch gegen das totalitäre marxistische Geschichtsdenken in seinem 1951 erschienenen Essay „Der Mensch in der Revolte“.

Beckermans (bis auf Edward Snowden) durchweg nachvollziehbar gezeichnetes Personen-Tableau ruft uns Menschen in Erinnerung, deren Tun sich nicht in einem vitalistischen „Tat“-Begriff erschöpfte, sondern die – wie Albert Camus – tatsächlich in der Résistance gewesen waren. Oder einen hohen Preis für ihren Widerspruch bezahlt hatten – wie die chinesische Dokumentarfilmerin Ai Xiaoming, der saudische Blogger Raif Badawi, der iranische Regisseur Jafar Panahi oder der kenianische Romancier Ngúgi wa Thiong’o.

Der Dissident, die Dissidentin „verneint eine Welt, in der Menschen gezwungen werden, einen Teil ihrer selbst von sich abzuschneiden“. Dass diese „Abschneidung“ – etwa in Unternehmen oder öffentlichen Institutionen – auch in freien Gesellschaften strukturell angelegt ist, muss dabei nicht bedeuten, den fundamentalen Unterschied zwischen einer Stillschweige-Diktatur und einer Debatten-Demokratie klügelnd kleinzureden. Beckerman zieht es hier eher zum humanen angelsächsischen Pragmatismus einer Iris Murdoch und zur Gewitztheit der mittelosteuropäischen Dissidentenbewegung: „Sie glaubt nicht, dass sich alles zum Guten wenden wird. Eher hat sie das Gefühl, dass sie immer wieder von vorn anfangen kann.“

Gal Beckerman: Wie man Dissident wird. Aus dem Englischen von Michael Adrian. Propyläen, 224 Seiten, 24 Euro

Marko Martin lebt als Schriftsteller in Berlin. Zum Thema Dissidenz erschienen seine Bücher „Dissidentisches Denken“ (Die Andere Bibliothek, 2025), „Freiheitsaufgaben“ (Tropen, 2025) und „Brauchen wir Ketzer? Stimmen gegen die Macht“ (Arco, 2023)

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