Ich war vielleicht sieben Jahre alt, als ich meiner Mutter den Sinn der Redensart „Von Pontius bis Pilatus laufen“ erklärte: Das seien zwei Orte in der Nähe von Rom, und zwischen denen liege ein gefährlicher Sumpf, und deshalb müsse man einen großen Umweg gehen, um von dem einen zum anderen zu kommen.
Das war natürlich Quatsch. In Wirklichkeit bezieht sich die Redensart auf den Römer, der Jesus zum Tode am Kreuz verurteilt hat. Heinz Küpper erklärt den Spruch in seinem „Wörterbuch der deutschen Umgangssprache“ so: „Dass der römische Landpfleger Pontius Pilatus in zwei Personen aufgespalten wurde, beruht auf der Vorliebe für Alliteration; eigentlich wurde Jesus von Kaiphas zu Pontius Pilatus oder von Pontius Pilatus zu Herodes geschickt.“
So weit waren wir bei unseren religiösen Unterweisungen im katholischen Kindergarten noch nicht gekommen. Aber aus „Asterix“ hatte ich gelernt, dass Namen auf -us etwas mit Rom zu tun haben, und nun versuchte ich, diese Erkenntnis für eine frühe Bildungshochstaplerei auszuschlachten.
Im Gegensatz zu mir war die Autorin Katrin Wilkens offenbar bibelfester. Ihr fiel schon als Kind auf, dass es doch deutlich logischer wäre, wenn man von Pilatus zu Herodes ginge. Rückblickend interpretiert sie heute den absurden Spruch als Symptom für „eine Art der Säkularisierung, die ohne Kirchenaustritt auskam“. Man gebrauchte in ihrer Familie – so wie in meiner und in vielen anderen im dritten Viertel des 20. Jahrhunderts – noch Sprüche und Redensarten, die in der Religion wurzelten. Als Beispiele nennt Wilkens „Hier stehe ich und kann nicht anders“, „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott“ oder eine Sache sei „so sicher wie das Amen in der Kirche“. Aber der Umgang damit zeugte auch von einer gewissen schnoddrigen Distanzierung.
Das betraf die Generation von Wilkens’ Eltern. Ganz ernst gemeint war dagegen wohl noch der Spruch, der mit eisernen Lettern im Treppenhaus ihrer Großmutter hing: „Die Wurzeln im alten Boden, die Krone frei in den Raum. Und Segen erbittend von oben, so wirst du ein fruchtbarer Baum.“ Die Religion war aber nur eine von mehreren Quellen solcher Erziehungssprüche, die Wilkens in ihrem neuen Buch „Komm du mal in mein Alter! Wie Sprüche uns Kinder der 60er und 70er geprägt haben“ (Hanser-Verlag, 160 Seiten, 18 Euro) beschreibt, analysiert, wertet und mit ihrer eigenen Familiengeschichte verwebt. Dabei geht sie keineswegs so langweilig erwartbar kritisch vor, wie man es heute eigentlich zu befürchten hat. Wilkens hält den erwähnten Großmutterspruch in Ehren. Sie verwahrt ihn mit seinen eisernen Buchstaben in einer Truhe: „Irgendwann werden ihn nach meinem Tod meine Kinder finden. Vielleicht ist einer so mutig und hängt ihn wieder auf.“
Derartige Maximen haben Menschen über 50 noch tausendmal von Respektspersonen gehört. Oft handelt es sich um allgemeine Weisheiten oder Verhaltenslehren, die bürgerliche Tugenden wie Scham, Fleiß oder Härte gegen sich selbst propagieren: „Nicht geschimpft ist genug gelobt“, „Über Geld spricht man nicht“, „Jetzt ist aber Ruhe im Karton“, „Fisch und Besuch stinken nach drei Tagen“.
Häufig waren es auch blumige, fast schon poetische und manchmal kaum verhüllt obszöne Wendungen, wie diese, die auch auf das Kartenspiel Skat anspielt: „Buben soll man ausspielen und nicht mit ins Bett nehmen“. Oder: „Nicht immer hält das rote Licht, was es dem Wandersmann verspricht“.
Wenn Katrin Wilkens zu Hause mit gespreizten Beinen da saß, dann hörte sie von ihren Eltern: „Kind, man kann dir bis ins gelobte Land sehen.“ Und wenn sie verschnupft und elend war, kam garantiert: „Du siehst aus wie das junge Leiden Christi zu Pferde.“
Mir dagegen sagten Mutter und Großmutter, wenn ich blass und kränklich wirkte: „Du siehst aus wie der Tod von Ippern.“ Als Erwachsener habe ich mir den dunklen Sinn dieser Redensart damit erklärt, dass sie sich wohl auf die Gemetzel und Giftgasangriffe beziehen müsse, die im Ersten Weltkrieg bei der belgischen Stadt Ypern stattgefunden hatten. Viel später lernte ich, dass die Redensart in Wahrheit schon mindestens aus dem 19. Jahrhundert stammt und von einer eindrucksvollen Darstellung des leibhaftigen Todes in der Kathedrale von Ypern angeregt war.
So bewahrten die Sprüche auch historische Tiefenschichten. Das galt auch für die Bedeutung des Wortes „Ast“ im Sinne von „Buckel“ in einer Redensart meiner Großmutter (geboren 1908). Wenn sie einen Buckligen sah, höhnte sie: „Der hat den Prozess mit dem Förster gewonnen – der durfte den Ast behalten.“ Das war natürlich nicht schön. Aber wir bewegten uns in einer sprachlichen Welt, in der meine Mutter, wenn sie besonders wütend war, mir drohte: „Man sollte dich schlagen, bis du in keinen Sarg mehr passt.“
Ganz so höhnisch und brutal ging es sprachlich in der Familie von Katrin Wilkens nicht zu. Sie war – im Gegensatz zu meiner – bürgerlich mit Bildungshintergrund. Hier hätten Mutter und Vater sich selbst niemals infantil „Mama“ und „Papa“ genannt, wie es heute üblich ist. Hier rüffelte man Leute, die etwas Dummes gesagt hatten, mit dem aus dem klassisch-lateinischen Zitatenschatz stammenden: „Hättest du geschwiegen, wärst du Philosoph geblieben.“
Aber den Eltern – Mutter Architektin, Vater Unternehmer in x-ter Generation – war nicht daran gelegen, ihre Kinder kleinzuhalten. Im Gegenteil: „Wir wurden zur Leistung erzogen, nicht zum Gehorsam. Jegliches Unterordnen, Wegducken, Unsichtbarmachen war meinen Eltern zuwider. Und so wollten sie auch keine Wegduckerkinder. Aber ich lernte, dass man durch Bilder, Bildung, Witze und Zitate eine Menge sagen kann, was das Gegenüber nicht unbedingt sofort verstand. Was für ein smarter Dünkel.“
„Dreck reinigt den Magen“
Man sieht: Es gibt in jeder Familie einerseits eine eigene Spruchtradition – oft regional geprägt – und andererseits Gemeingut, das in sehr vielen Sippen gängig war, wie beispielsweise der Pilatus-Spruch oder andere zeitlich und räumlich weitverbreitete Redensarten wie „Wir haben doch keinen Geldscheißer zu Hause“, „So schnell stirbt sich’s nicht“, „Dreck reinigt den Magen“ oder „Schluss. Aus. Ende der Durchsage“.
Sigmund Freud nennt das, was solche Sprüche bewirken sollen, „Introjektion“: Verhaltensweisen von Eltern und Autoritäten sickern in die eigene Identität ein, ohne dass man sich dessen bewusst ist. In unserer individualitätsgierigen Gesellschaft erscheint das negativ, aber dieser psychische Vorgang bietet Halt und stärkt die Gruppenidentität.
Katrin Wilkens nennt die Erziehungssprüche „geradezu perfekt gecastete Introjekte“. Heute würde man von Memes sprechen. Religionsstifter hätten immer schon die Kraft des Sprücheklopfens erkannt. Sie geben bestenfalls dem Leben eine Matrix. Dabei kam es gar nicht so sehr auf die konkreten Inhalte an, sondern auf die suggestive Macht des Immer-wieder-Sagens: „In allen Teilen der Welt, zu jeder Zeit, wussten die Menschen um die heilende Wirkung von Wiederholungen. Naturwissenschaftler wissen heute: Diese Wiederholungen entspannen die Amygdala, das Stresszentrum des Hirns.“ Märchen stärken die Resilienz ähnlich.
Ein Wirkungsbeispiel ist Wilkens’ Nachbarin Frau Bruns, die auf die unterschiedlichsten Fragen („Wie geht’s? Wie schmeckt’s? Wie ist das Wetter?“) immer mit „Muss ja“ antwortete. Damals fand Wilkens das unpersönlich – „sprachgewordene Uniformität“ –, heute erkennt sie darin etwas Tröstliches: „Nicht alles muss hinterfragt werden. Alle haben Probleme. Nimm dich nicht zu wichtig, denn auch das kann belasten.“
So transportieren vermeintlich banale Sprüche Erkenntnisse – um nicht zu sagen: Weisheiten – über Generationen hinweg, im Falle der biblischen und antiken Redensarten schon seit Jahrtausenden. Und die scheinbar so gnadenlosen Einsichten schenkten mehr Trost als die heutigen Individualitätsimperative. In Almanachen und Spruchsammlungen des 18. Jahrhunderts, so resümiert Wilkens, standen Weisheiten, von denen ihre Leser ohnehin wussten, dass man ihnen nicht völlig gerecht werden konnte: „Wir waren, religiös untermauert, fehlerhafte Erdenwürmchen, die sich bemühen konnten, mehr nicht.“ Die heutige Influencer-Selbstoptimierungsindustrie hält keinen Trost bereit für die Gestrauchelten, die nicht „zur besten Version ihrer selbst werden“ konnten.
Natürlich hat Wilkens auch einen Lieblingsspruch. Am Tag, als ihr Vater starb, verabschiedete er sich mit dem Satz: „Bleib ein anständiger Mensch.“ Ein Spruch, „der typisch für ihn war und mich seitdem zudeckt und wärmt, wann immer ich es brauche“. Wenn sie auf alle Sprüche ihres Lebens verzichten müsste, würde sie versuchen, ihn in die Konkursmasse hineinzuverhandeln.