Der 12. Juni war ein brütend heißer Tag in New York. Vor der Nasdaq-Börse am Times Square herrschte wüstes Gedränge. Die Augen tausender Schaulustiger waren auf eine leuchtende Werbetafel für SpaceX gerichtet – der Tag, an dem der größte Börsengang der Geschichte startete und die Aktie binnen Stunden um 19 Prozent zulegte.
Keine acht Wochen später, am 4. August, muss Elon Musk an einem Konferenztelefon erklären, warum von diesem Höhenflug kaum noch etwas übrig ist. Die Aktie notiert da bereits fast 50 Prozent unter ihrem Zwischenhoch. Und ausgerechnet an dem Tag, an dem SpaceX zum ersten Mal als börsennotiertes Unternehmen Zahlen vorlegt, zeigt sich, auf welche Gratwanderung sich das derzeit wohl gehypteste Unternehmen der Welt begeben hat. Der Umsatz explodiert, das Geschäft brummt – und trotzdem bleibt bislang am Ende ein Verlust stehen.
Für das zweite Quartal meldet SpaceX nun 7,8 Milliarden Dollar Umsatz, fast doppelt so viel wie ein Jahr zuvor und deutlich mehr, als Analysten erwartet hatten. Unter dem Strich steht dennoch ein Minus von 541 Millionen Dollar. Der Grund: Ähnlich wie bei Tesla ist Elon Musk voll auf Investitionskurs.
Der Konzern pumpt gerade Geld in drei Großprojekte gleichzeitig – das Satelliteninternet Starlink, die Riesenrakete Starship und die Großpläne rund um künstliche Intelligenz. Allein im Quartal investierte SpaceX 18,4 Milliarden Dollar. Wachstum ohne Gewinn ist damit inzwischen Programm: Zwischen Anfang 2025 und Ende März 2026 liefen bereits Verluste von 8,7 Milliarden Dollar auf.
Weil die Aktie zum Börsenstart dermaßen hoch bewertet wurde, ist der Rückgang jetzt umso deutlicher zu spüren. Nach dem Zwischenhoch von 225,64 Dollar liegt das Papier mittlerweile bei 117 Dollar. Die Dimensionen sind gigantisch: Mehr als eine Billion Dollar Marktkapitalisierung sind seit Mitte Juni verschwunden. Und der Druck dürfte anhalten: Diese Woche läuft die sogenannte Lock-up-Frist aus – eine Sperrfrist, die es Mitarbeitern und Frühinvestoren bislang verboten hatte, ihre SpaceX-Aktien zu verkaufen. Fällt diese Sperre, dürfen plötzlich doppelt so viele Aktien gehandelt werden wie bisher – praktisch über Nacht kommt also deutlich mehr Angebot auf den Markt.
„Kaum ein Börsengang war je so sehr von Hoffnungen und Träumen getragen wie dieser – und so wenig vom nüchternen Geschäft“, sagt Cory Johnson, Chefmarktstratege bei Epistrophy Capital Research, dem „National Public Radio“. Was er damit meint: Ein Teil der SpaceX-Einnahmen stammt schlicht daher, dass das Unternehmen überschüssige Rechenzentrumskapazität vermietet – überschüssig, weil das hauseigene KI-Modell Grok im Wettbewerb bislang nicht mithalten kann.
Die große Wette: Satelliten, Riesenrakete, Rechenzentren im All
Elon Musk selbst ließ sich davon auf dem Earnings Call am Dienstag nicht bremsen. SpaceX schieße mehr Satelliten ins All als der Rest der Welt zusammen, verkündete er und sprach mehrmals von „Meilensteinen“. Starlink wachse so schnell, dass es binnen zehn Jahren „die Mehrheit des weltweiten Internets“ liefern könnte. Und die Schwerlastrakete Starship stehe kurz vor dem Durchbruch. Ab kommendem Jahr, kündigte er an, sollen sogar Rechenzentren im Orbit ans Netz gehen.
Nüchterner klingt das bei Kathleen Curlee vom Center for Security and Emerging Technology der Georgetown University: Das KI-Geschäft fresse praktisch alle Gewinne von Starlink auf, ob sich Rechenzentren im All überhaupt rechnen, sei völlig offen – eine riskante Wette. Hintergrund: Anfang 2026 übernahm SpaceX Musks Start-up xAI und bündelt seither Raketentechnik, Satelliten und KI-Entwicklung, um mit OpenAI und Anthropic mitzuhalten.
Auch Starship hinkt hinterher: Ende Juli flog erst der 13. Testflug, die Erdumlaufbahn hat noch kein Exemplar erreicht. Ein Nasa-Aufsichtsbericht warnte im März laut Reuters, Verzögerungen könnten die für 2028 geplante Mondlandung gefährden.
Immer wieder zeigt sich bei SpaceX zudem, wie eng das Geschäftsmodell mit Washington verwoben ist. Präsidentin Gwynne Shotwell bezifferte die kumulierten Bundesaufträge Ende 2024 auf rund 22 Milliarden Dollar; die „Washington Post“ kommt für SpaceX allein sogar auf rund 38 Milliarden. Man sei „very bullish“ in Bezug auf die Regierung, so Shotwell.
Einer der größten Auftraggeber ist die Nasa. Seit 2012 fliegt SpaceX Fracht, seit 2020 auch Astronauten zur ISS. Allein für die Versorgungsflüge sollen bis 2030 bis zu 14 Milliarden Dollar fließen. Inzwischen aber verschiebt sich das Gewicht Richtung Pentagon und Geheimdienste: Für den geheimen Satellitendienst Starshield und Trägerraketen im nationalen Sicherheits-Startprogramm zahlt das Militär mittlerweile Milliarden. Laut Reuters vergab die Space Force im Mai 2026 allein 2,29 sowie kurz darauf weitere 4,16 Milliarden Dollar für zwei neue Satellitenprogramme.
Musk selbst spielt die Bedeutung der Nasa meist herunter: Im Februar prognostizierte er, sie werde 2026 nur noch etwa fünf Prozent des Umsatzes ausmachen, weil Starlink längst die größere Einnahmequelle sei – allerdings ist auch hier das US-Militär Großkunde. Seine Schätzung basierte auf rund 24 Milliarden Dollar Jahresumsatz – eine Marke, die SpaceX schon mit den ersten beiden Quartalen fast erreicht hat. Genau darin liegt die Strategie: weg von der Trägerrakete als einziger Einnahmequelle, hin zu einem Geflecht aus Satelliteninternet, KI-Rechenleistung und Verteidigungsinfrastruktur. Besonders Letztere ist ebenfalls abhängig von Regierungsaufträgen.
Dass ein derart staatsnahes Unternehmen von einem Mann geführt wird, der zeitweise Trumps Abteilung für Regierungseffizienz leitete und im Wahlkampf 2024 mit rund 288 Millionen Dollar Trump und weitere Republikaner unterstützte, wirft seit Langem Fragen auf. Wie fragil die Verbindung ist, zeigte sich im Sommer 2025: Nachdem Musk Trumps Steuer- und Ausgabenpaket öffentlich zerrissen hatte, drohte der Präsident mit dem Entzug der Bundesaufträge. Musk konterte, er werde sein Raumschiff Dragon stilllegen – aktuell das einzige US-Transportmittel zur ISS –, löschte den Post dann aber wieder. Berichten zufolge ließ Trump die SpaceX-Verträge dennoch auf Verschwendung überprüfen.
Laut der Analyse- und Beratungsfirma BryceTech entfielen 2024 rund 83 Prozent aller weltweiten Raketenstarts auf SpaceX. Diese beinahe Monopolstellung erklärt, warum aus dem Zerwürfnis zwischen Trump und Musk kein echter Bruch wurde: Noch 2025 erhielt SpaceX Berichten zufolge weitere Space-Force-Aufträge über mehr als sechs Milliarden Dollar, und das Pentagon bewilligte mindestens 200 Millionen Dollar für die Einbindung von Musks umstrittenem Chatbot Grok in militärische Netzwerke. Am wirtschaftlichen Kern der Beziehung änderte die Fehde also wenig.
Sicherheitsbedenken gibt es schon länger. Bereits im November 2024, noch vor Trumps Amtsantritt, verlangten die demokratischen Senatoren Jack Reed und Jeanne Shaheen eine Prüfung, ob Musks laut einem WSJ-Bericht bestehende Kontakte zu Wladimir Putin seine Zuverlässigkeit als Regierungsauftragnehmer und Inhaber einer Sicherheitsfreigabe infrage stellen. Eine echte Untersuchung blieb aus: Das Pentagon verwies die Zuständigkeit lediglich an eine andere Stelle.
Inwieweit der Erfolgskurs von SpaceX sich fortsetzen wird, darüber gehen die Einschätzungen der Experten auseinander. Goldman-Sachs-Analyst Eric Sheridan sieht SpaceX im Vorteil: Das Unternehmen habe immer wieder Ziele erreicht, die selbst erfahrene Branchenkenner zuvor für unrealistisch gehalten hätten, sagt er gegenüber CBS. Dadurch unterscheide sich die Firma stark von der Konkurrenz.
Skeptischer klingt Analyst Cory Johnson: Die aktuelle Bewertung sei stärker von der Begeisterung für Musks Person getrieben als von handfesten Geschäftszahlen, warnt er – und die Marktrealität hole überbewertete Aktien am Ende immer wieder ein.
Entscheidend dürfte sein, ob sich die derzeitigen Verlustbringer – vor allem die KI-Sparte und die geplanten Rechenzentren im All – tatsächlich in profitable Geschäfte verwandeln lassen. Die Konkurrenz – etwa bei Anthropic und OpenAI – dürfte genau verfolgen, wie es weitergeht. Beide Firmen sind noch nicht an der Börse gelistet, planen aber den IPO. Wie hoch ihre Aktien gewertet werden, dürfte auch vom Gelingen der kühnen Pläne bei SpaceX abhängen.
Dieser Text wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Jan Klauth ist US-Korrespondent mit Sitz in New York.