Berlin – Die Bundeswehr will die stärkste konventionelle Armee in Europa werden. Dafür braucht es mehr Soldaten – auch in der Reserve. Das Verteidigungsministerium hat im Juli deswegen damit begonnen, ehemalige Wehrdienstleistende anzuschreiben, denn die aktive Reserve muss um Hunderttausende anwachsen. Doch schon jetzt gibt es Zweifel, ob die ehrgeizigen Personalziele überhaupt erreichbar sind.
Der Präsident des Reservistenverbands, Bastian Ernst (CDU, 39), glaubt, die Briefe könnten Ex-Soldaten überzeugen: „Wir erhoffen uns, dass Leute diesen Brief lesen und sagen: Ich war mal vor 20 Jahren in der Bundeswehr, und das war eigentlich eine nette Zeit“, sagte Ernst dem „Handelsblatt“.
Hintergrund sind die Aufwuchspläne der Bundeswehr. Bis 2035 sollen die Streitkräfte auf 260.000 aktive Soldaten sowie 200.000 aktive Reservisten anwachsen. Doch es gibt Hürden: Verpflichten kann die Bundeswehr nur Berufs- und Zeitsoldaten sowie neue Wehrdienstleistende. Zurzeit sind rund 55.000 Soldaten in der aktiven Reserve, sind also für einen festen Posten eingeplant und schnell einsatzbereit.
Verbandschef zweifelt an Zielsetzung
Laut dem Reservistenverbands-Chef werden diese Maßnahmen wohl nicht reichen. „Ich glaube, dass die Zielmarken in diesem Jahr noch erreicht werden – auch weil die Latte nicht besonders hoch liegt“, sagte Ernst, „aber ich glaube, im nächsten, jedoch spätestens im übernächsten Jahr werden wir es nicht schaffen.“
Ein möglicher Grund: Das neue „Reservestärkungsgesetz“. Das Gesetz soll die Einbindung von Reservisten in Ausbildung, Übungen und militärische Einsätze erleichtern. Frühere Wehrdienstleistende sind allerdings davon ausgenommen. Dass das Gesetz nicht rückwirkend gelten soll, sei ein Kompromiss mit der SPD gewesen, sagt CDU-Politiker Ernst. Deshalb setzt die Bundeswehr nun auf Freiwilligkeit und wirbt mit Briefen.
Im Wehrdienstgesetz sind bis 2035 jährliche Zielvorgaben für die Truppenstärke festgelegt. Werden diese dauerhaft verfehlt, könnte als letztes Mittel die sogenannte Bedarfswehrpflicht eingeführt werden. Damit wären dann sogar verpflichtende Einberufungen möglich.