Zwickau – Deutschlands Strafjustiz kämpft mit einem historischen Aktenberg. Laut Deutschem Richterbund waren Mitte 2026 mehr als 1,1 Mio. Ermittlungsverfahren bei den Staatsanwaltschaften unerledigt. Im Jahr zuvor mussten 50 dringend Tatverdächtige aus der U-Haft entlassen werden, weil ihre Verfahren zu lange dauerten. Und dann verhandelt ein Landgericht über einen Mann, der vor 23 Jahren beinahe eine Schachtel Zigaretten geklaut hätte.
Wenn bei Gericht mal wieder Überlastung beklagt wird, sollte man kurz an Mihai L. (58) denken. Laut Anklage ging der Rumäne am 20. Februar 2003 in den Edeka-Markt an der Südstraße in Hohenstein-Ernstthal (Sachsen). Ein Bekannter, ebenfalls Rumäne, soll an der Kasse mehrere Zigarettenschachteln in seine Latzhose gesteckt haben. Auch L. nahm eine Schachtel, das räumt er ein. Als sein Bekannter ertappt wurde, legte er sie zurück. Als er sich danach an der Kasse nach draußen drängelte, soll er eine Kundin geschubst haben.
„Das war falsch. Ich war jung und dumm“, sagt der Mann, der seit Jahren als Lkw-Fahrer arbeitet und nicht vorbestraft ist. Damals war er 35.
Der mutmaßliche Dieb in der Latzhose entkam. L. wurde draußen ohne Beute von zwei Bauarbeitern gestoppt und der Polizei übergeben. Danach verließ er Deutschland und war nicht mehr auffindbar.
Polizeicomputer spuckt alte Akte aus
Die Ermittlungen wurden deshalb vorläufig eingestellt. Weihnachten 2019 kam wieder Bewegung in die Sache: L. wurde bei der Einreise am Flughafen München kontrolliert. Beim Datenabgleich spuckte der Polizeicomputer die alte Akte aus, und die Kippen-Sache wurde weiterverfolgt. 2020 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage wegen gemeinschaftlichen räuberischen Diebstahls. Verhandelt wurde aber erst sechs Jahre später, im April 2026, am Amtsgericht Hohenstein-Ernstthal.
Ergebnis: Freispruch. Der einfache Diebstahl sei verjährt. Und das Schubsen der Kundin, das aus dem Diebstahl erst einen räuberischen gemacht hätte, lasse sich nicht nachweisen. Die Staatsanwaltschaft ging trotzdem in Berufung.
Zeugen tot, Supermarkt gibt es nicht mehr
Am Landgericht Zwickau folgte nun die zweite Runde. Die beiden wichtigsten Zeuginnen, die Kassiererin und die geschubste Kundin, sind inzwischen gestorben. Auch die Edeka-Filiale gibt es nicht mehr. Den Ort weiß der Angeklagte nicht mehr genau, er verortet das Geschehen eher in Limbach-Oberfrohna. Oberstaatsanwalt Dietrich bleibt dennoch hartnäckig und fordert sechs Monate Haft auf Bewährung.
Richter Torsten Sommer winkt nach gut zwei Stunden ab. Das Landgericht verwirft die Berufung und bestätigt den Freispruch. „Nach 23 Jahren sehen wir uns nicht in der Lage, den Tathergang zweifelsfrei zu rekonstruieren. Ob das Schieben Gewalt ist? Keine Ahnung!“
Rechtsanwalt Andreas Kohn, der Verteidiger des Freigesprochenen, schüttelt den Kopf: „Allein die Berufungsverhandlung mit Richter, Schöffen, Dolmetscher und Anwälten kostet mindestens 1500 Euro. Das geht – wie der gesamte Prozess – zulasten der Steuerzahler.“
Ob der Fall damit erledigt ist, bleibt offen. „Wir prüfen, ob wir gegen das Urteil vorgehen“, sagt Oberstaatsanwalt Dietrich. Mihai L. raucht unterdessen eine Zigarette auf den Freispruch. „Die habe ich gekauft. In Tschechien“, versichert er.