Kathmandu/Peking – Ein kolossaler Gletscherblock bricht in großer Höhe ab, stürzt in die Tiefe und verwandelt sich beim Aufprall in eine Masse aus Wasser, Eis, Schlamm und Fels. Wenige Minuten später trifft die Flut den Grenzübergang zwischen Tibet und Nepal. Schließlich zieht sich die Schneise der Verwüstung fast 170 Kilometer durch die Täler des Himalaya, tötet mehr als 270 Menschen.
Wie konnte eine solche Katastrophe praktisch ohne Vorwarnung geschehen?
Der Physiker und Geomorphologe Dr. Jens Turowski erforscht, wie sich die Erdoberfläche verändert und wie Naturgefahren entstehen. Nach seiner Einschätzung war der Auslöser dieser Flut ungewöhnlich. Normalerweise entstehen plötzliche Hochgebirgsfluten häufig durch Gletscherseen, die hinter natürlichen Dämmen aus Geröll aufgestaut sind. Gibt ein solcher Damm nach, ergießen sich die Wassermassen ins Tal. Auch große Bergstürze können Flüsse blockieren und gefährliche Seen entstehen lassen.
Gletschereis mit Flusswasser vermischt
Diesmal lief es offenbar anders. „Es wird inzwischen davon ausgegangen, dass ein Gletscherblock von etwa 700 Metern Breite abgebrochen ist und über rund 1000 Meter in die Tiefe stürzte“, sagt Turowski zu BILD. Die Angaben gehen auf eine erste Einschätzung der US-Behörde USGS zurück.
Die Dimension von 1,5 mal 1,4 Kilometern, die in einem Posting bei „X“ genannt werden, liegen laut Turowski ebenfalls im Bereich des Möglichen. Sicher: „Durch den Aufprall ist ein Teil des Eises geschmolzen, hat sich mit dem Flusswasser vermischt und so die Flut ausgelöst.“
Satellitenbilder und seismische Messungen zeichnen nach Angaben des Experten ein klares Bild: Erst stürzte die gewaltige Eis- und Gesteinsmasse ab, unmittelbar danach schoss die Flut talwärts. Solch ein Ablauf sei deutlich seltener als der Ausbruch eines Gletschersees. Die Darstellung von anderen Wissenschaftlern, dass sich kurz eine Art Stau entwickelt haben könnte, hält Turowski für durchaus möglich. Wobei die seismischen Daten seiner Ansicht nach eher dagegen sprechen: Abbruchereignis und Sturzflut folgten sehr nahe aufeinander.
Keine Zeit für eine Flucht
Für die Menschen am Fluss blieb fast keine Zeit. „Das Ereignis war sowohl außergewöhnlich groß als auch außergewöhnlich schnell unterwegs“, sagt Turowski. „Nach dem Bergsturz hat es anscheinend nur Minuten gedauert, bis die Zollstation getroffen wurde.“ Dort warteten Menschen und Fahrzeuge am Grenzübergang. Die Flut raste weiter durch die engen Täler, riss Gebäude, Brücken und Straßen fort und beschädigte zahlreiche Wasserkraftanlagen.
Laut Turowski hätte man die Katastrophe womöglich abmildern können. Instabile Hänge und Gletscher lassen sich mit GPS-Sensoren überwachen. Häufig beschleunigt sich ihre Bewegung Wochen vor einem Absturz. Selbst nach Beginn eines Bergsturzes könnte noch ein kurzer Vorsprung bleiben: Seine seismischen Signale bewegen sich mit bis zu 1000 Metern pro Sekunde durch den Untergrund und sind damit schneller als die Flut. Aber: „Nepal hat momentan weder ein ausreichend dichtes Messnetz noch geeignete Kommunikationswege und Maßnahmenpläne um die Warnung zeitnah in die Gebiete zu bringen.“
Ereignisse dieser Art nicht zu verhindern
Und die Gefahr ist noch nicht vorbei. Durch die Naturkatastrophe soll ein neuer See entstanden sein. Wie stabil er ist, lässt sich derzeit nicht seriös sagen. Für die Retter seien zunächst jedoch kleinere Folgeereignisse besonders gefährlich: Schlammlawinen, Steinschlag und abbrechende Flussufer. Turowskis wichtigste Konsequenz: „Große Ereignisse werden sich nicht verhindern lassen. Effektive Warnsysteme mit vorgeplanten, klaren Sofortmaßnahmen sind in vielen Hochgebirgsregionen der beste Weg, um Opfer zu vermeiden.“