Es ist ein Wunder, wie sie es in „Miracles“ besingen: 45 Jahre, nachdem sich Neil Tennant und Chris Lowe in einem Londoner Elektrofachgeschäft begegnet waren, um die Pet Shop Boys zu gründen, finden sie den Ort, an den ihr Lebenswerk gehört. Berlin ist ihre zweite Heimat. „Wir sind zwei Berliner“, haben sie einmal gesagt. Ihre WG und ihre Clubbesuche in der deutschen Hauptstadt wollen sie auch als Protest gegen den Brexit ihres Mutterlands verstanden wissen, vor allem aber als geistige Heimat.
In der Waldbühne waren sie allerdings noch nie. Sie sind gerührt. Tennant erklärt: „Zum ersten Mal darf ich für mich sagen: Hier mag ich es!“ „I like it here“, heißt es in ihrer Selbstauskunft „The Pop Kids“. Sie mochten immer auch riefenstahlsche Inszenierungen. Als das Amphitheater im Berliner Westend nach einer Idee von Joseph Goebbels 1936 am Olympiagelände eingeweiht wurde, war es für deutsche Singspiele gedacht. Als Thingplatz der neuen germanischen Kultur. Als 1965 bei einem Konzert der Rolling Stones das Waldbühnengestühl zertrümmert wurde, warnte die Generation, die einen ganzen Kontinent verwüstet hatte, vor dem Untergang des Abendlands.
Jetzt sind die Pet Shop Boys mit 20.000 Gästen da. Schon das Relief der beiden nackten Jünglinge am Eingang mit dem Titel „Heldenehrung“ wirkt an diesem Sommerabend freundlicher als je zuvor in den vergangenen 90 Jahren. Rockkonzerte, sagt Keith Richards von den Rolling Stones, seien wie Reichsparteitage. Ein Popkonzert ist das Satyrspiel nach allen Tragödien. Tennant und Lowe tragen, als sie die Waldbühne betreten, strenge Masken aus Metall mit Hörnchen, um ihr Lächeln zu verbergen. Auch den altehrwürdigen Popkids ist die Masse hörig. Mit dem ersten Beat setzt sie sich über den bestuhlten Innenraum hinweg und tanzt. Das ganze Volk auf den mächtigen Rängen der einstigen Dietrich-Eckart-Freilichtbühne tanzt und feiert. Tennant nimmt die Maske ab, verneigt sich tief und sagt auf Deutsch: „Wir sind die Pet Shop Boys.“
Sie waren in Berlin schon überall. An sachlicheren Orten wie der abgerissenen Deutschlandhalle, einem leeren Busdepot namens Arena, der Columbiahalle nach den Alliierten, dem Tempel des Tempodroms, im HAU-Theater und in der Multifunktionshalle mit ihren wechselnden Sponsorennamen an den Mauerresten. Aber auch auf der Museumsinsel, wo sie „Panzerkreuzer Potemkin“, Sergej Eisensteins Revolutionsstummfilm, zeigten und neu vertonten. Sie lieben es, das Heroische ins Heitere zu wenden. Dabei kann es ihnen durchaus ernst sein: In „London“ besingen sie einen russischen Flüchtling, in „Hymn“ gedenken sie des Oppositionellen Alexej Navalny. Und in der Berliner Waldbühne erstrahlt die Videowand in den Farben der Ukraine.
Alles Prätentiöse und Pompöse aber, das Totale und Totalitäre, wird entladen. Strichmännchen marschieren in Kolonnen auf den Videowänden, Suchscheinwerfer finden nur zwei Musiker, einen schmunzelnden Sänger und daneben einen Stoiker am Synthesizer. Mal trägt Tennant einen sicher feuerfesten, aluminiumbeschichteten Gestapomantel und mal eine Mütze, wie man sie von Autokraten aus früheren Sowjetrepubliken kennt. Im Video wird geturnt, aber in freieren Figuren als in Leni Riefenstahls „Olympia“. Ein Triumph des Chillens.
Wenn die Pet Shop Boys heute „Go West“ im Bühnenbild so illustrieren, wie es von den Village People ursprünglich gemeint war, als Aufruf an alle, die sich wegen ihrer Sexualität verfolgt fühlen, nach San Francisco an die offene Westküste zu ziehen, muss man an die Videoversion von 1993 denken: Sie spielte im Osten auf dem Roten Platz, Männer traten den Marsch nach Westen an, von Lenins Ehrenmal zur Freiheitsstatue, die sich als schwarze Frau entpuppte. Und man denkt sich dazu Donald Trump als Tanzbär zu „Y.M.C.A.“
Zu „Dreamland“, ihrer Hymne an Berlin, denkt man sich die blaugrünen Kacheln der U-Bahn unter dem Alexanderplatz im Video und die Lieder ihres letzten Albums „Hotspot“, aufgenommen in den Hansa-Studios nebenan. In „Wedding in Berlin“ feiern sie eine Hochzeit, in „You Are the One“ fahren sie raus zum Wannsee. In der Waldbühne am Westend endet ihr Programm mit „West End Girls“ und „Being Boring“, mit dem Hit ihres ersten Berlinkonzerts vor 35 Jahren.
Auch im Huxley’s in der Hasenheide waren sie noch nie. Dort kehren sie nach ihrem Hochamt in der Waldbühne für zwei Konzerte ein. Der Bierpalast in Kreuzberg war als „Neue Welt“ gegründet worden, am Kreuzberger Volkspark, als Berlin zur Hauptstadt wurde. Dort spielen die Pet Shop Boys ihre alternativen Hits zu „Dreamworld“, ihrer Welttournee. „Obscure“ heißt das Programm, einer der Songs „Will-o-the-Wisp“: „The U1 is such a party train/ From Uhland to Warschauerstraße/ Emerging from below past Nollendorfplatz.“
Die U-Bahn führt sie auch zurück in eine Zeit, in der Christopher Isherwood als Schriftsteller aus Kalifornien die Stadt in seinen Büchern feierte. Er blieb bis 1933. Heute sind Neil Tennant und Chris Lowe da, als Berliner Stadtmusikanten.