Kultur

„Wie viele gute und helle Stunden geistigen Gesprächs wehte jeder Sommer uns zu!“

„Wie viele gute und helle Stunden geistigen Gesprächs wehte jeder Sommer uns zu!“

„Wie viele gute und helle Stunden geistigen Gesprächs wehte jeder Sommer uns zu!“ So beschreibt Stefan Zweig in seinem großen Erinnerungsbuch „Die Welt von Gestern“ die Atmosphäre auf dem Salzburger Kapuzinerberg, wo der berühmte Schriftsteller zwischen 1919 und 1934 lebte und arbeitete. Seither ist das Paschinger Schlössl, das ehemalige Jagdschloss eines Erzbischofs, als Stefan-Zweig-Villa bekannt.

Wie jetzt bekannt wurde, steht das Anwesen für knapp 13 Millionen Euro zum Verkauf. Ist das die historische Gelegenheit, die Stefan-Zweig-Villa in öffentliche Hand zu überführen? Ein Besitzerwechsel könnte für die Zweig-Villa zum richtigen Zeitpunkt kommen – und einen Imagewechsel einläuten. Denn das geschichtsträchtige Anwesen, wo James Joyce mit einem Widmungsexemplar des „Ulysses“ vorstellig wurde und sich die literarischen Giganten des frühen 20. Jahrhunderts von Thomas Mann über Paul Valéry bis Joseph Roth die Klinke in die Hand gaben, sorgte zuletzt nur mit einer außerkünstlerischen Lokalposse für Gesprächsstoff. Nachdem der Automilliardär Wolfgang Porsche das Anwesen 2020 als private Luxusunterkunft kaufte, wollte er zusätzlich einen Privattunnel mit Tiefgarage in den Berg schlagen lassen. Geschätzte Kosten: 10 Millionen Euro.

Privatwege auf Stadtgrund für all jene, die genügend Kleingeld mitbringen? Das sorgte in Salzburg für lautstarken Protest und anhaltende Kontroversen. Und obwohl das umstrittene Vorhaben am Ende von der Stadtpolitik sogar genehmigt wurde, verzichtet der 83-jährige Porsche auf die Umsetzung und wirft die Villa wieder auf den Markt. Immerhin wird in der Anzeige eines französischen Luxusimmobilienportals die bis 2028 gültige Genehmigung für den privaten Tunnel und die unterirdische Garage als wertsteigernd erwähnt. So wirkt es wie die finale Pointe dieser Posse, dass in der Presse gar spekuliert wurde, der Rückzug des Miteigentümers von VW, Porsche und Audi sei durch „Superreichen-Bashing“ ausgelöst worden.

Und jetzt? Man könnte in Salzburg auf den nächsten Superreichen warten, der die Stadt mit seinen privaten Ambitionen beglückt. Man könnte aber auch versuchen, eine öffentliche Stefan-Zweig-Villa einzurichten, wie eine Initiative mit prominenter Unterstützung unter anderem von dem Schauspieler und „Tatort“-Star Harald Krassnitzer, dem Alpenrocker Hubert von Goisern und dem Salzburger Schriftsteller Karl-Markus Gauß fordert. „Jetzt besteht die Chance, ein Zeichen für Erinnerungskultur, für Humanismus und europäisches Erbe zu setzen“, heißt es in dem Aufruf. Was das genau heißt, ist noch unklar. Eine „Villa Europa“ auf dem Kapuzinerberg, wie das Anwesen zu Lebzeiten des Schriftstellers genannt wurde?

An Ideen im Geiste Zweigs dürfte es nicht mangeln. „Wieder hatte das Schicksal mir einen Wunsch erfüllt, den ich selbst kaum auszudenken gewagt, und unser Haus auf dem Kapuzinerberg wurde ein europäisches Haus“, heißt es in „Die Welt von Gestern“. Als Zweig Wien verließ und nach Salzburg zog, schätzte er die zentraleuropäische Lage, die Nähe zu Zürich, München oder Venedig. Und er liebte Gäste. „Wer ist dort nicht zu Gast gewesen?“, heißt es bei Zweig weiter. „Unser Gästebuch könnte es besser bezeugen als die bloße Erinnerung, aber auch dies (sic!) Buch ist mit dem Haus und vielem anderem den Nationalsozialisten verblieben.“

Auch das gehört zur Geschichte: Die Stadt, in der Zweig seine größten Erfolge wie „Sternstunden der Menschheit“ verfasste, hat den Literaten vertrieben und seine Bücher öffentlich verbrannt. Grund genug, es heute nicht wieder gut, aber doch besser zu machen.

Das Problem ist, dass weder die Stadt noch das Land Salzburg den geforderten Kaufpreis aufbringen können. Inzwischen hat allerdings die Salzburger Universität Interesse signalisiert und soll bereits Gespräche mit dem Bund zur Finanzierung führen. Doch wie man weiß, liegen zwischen dem Wünschenswerten und dem Machbaren oft lange Stunden zähen politischen Ringens. Ob der Kraftakt gelingen kann, lässt sich derzeit nicht seriös abschätzen.

Wenn man sich das Träumen jedoch einmal erlauben mag, dann entstünde mit einer Stefan-Zweig-Villa in öffentlicher Hand nicht nur ein Denkmal für einen Schriftsteller, dessen literarischer Ruhm Thomas Mann zufolge bis in den letzten Winkel der Erde reicht, sondern ein Ort, an dem sein Vermächtnis lebendig wird. Ein „europäisches Haus“ der Literatur und des Denkens, wie es Zweig selbst kaum zu wünschen wagte und trotzdem zustande brachte, beseelt vom besonderen Zauber des Kapuzinerbergs. Wie viele gute und helle Stunden geistigen Gesprächs könnten in kommenden Sommern noch auf diesen Berg hinaufwehen!

Vielleicht verpasst