Selbstironisch blicken sie auf die eigene Zunft. Im „Heute-Show Spezial“ zur kommenden Wahl in Sachsen-Anhalt sprachen Fabian Köster und Lutz van der Horst einleitend von dem „seltenen Naturschauspiel“, wenn anlässlich einer ostdeutschen Landtagswahl eine „Pilgerreise sämtlicher Journalisten gen Osten“ stattfinde. Auch sie schlossen sich „furchtlos wie immer“ dieser an, um den „Nahen Osten“ zu erkunden, wo die älteste Bevölkerung Deutschlands lebe und knapp ein Viertel der Einwohner von Armut betroffen sei.
In Magdeburg trafen die satirischen ZDF-Außenreporter auf den amtierenden Ministerpräsidenten Sven Schulze. Ob der Wahlkampf nicht eine wahnsinnige Last sei? „Es ist anstrengend, es ist wirklich anstrengend“, gab der CDU-Politiker angeknackst zu. „Das ist ein Riesenwahlkampf. Da passiert immer irgendwas, was nicht so läuft, wie man es geplant hat. Das ist ganz normal. Ich bin auch nur ein Mensch. Ich mache auch Fehler. Und gebe es auch zu, wenn ich mal was falsch mache.“
Angesichts von Umfrageergebnissen, bei denen die AfD jenseits der 40 Prozent liegt, dürfte Schulze sein Amt nur behalten können, indem er mit der Linken zusammenarbeitet. Köster und van der Horst boten unumwunden ihre Hilfe dabei an. „Die Linken werden um ihre Stimmen kämpfen, wir um unsere“, insistierte Schulze. Ob er mit der Partei um Spitzenkandidatin Eva von Angern kooperieren würde? „Ich will erstmal hier bestmöglich unsere Themen durchbringen und ein bestmögliches Ergebnis für mich, für die CDU schaffen. Darum geht es – aus der Mitte heraus.“ Zumindest schließe er es nicht aus, erkannte van der Horst. Schulze: „Nein, das ist überhaupt nicht mein Ziel. Ich mache mich in der Politik nicht abhängig.“
Köster versuchte es in zugespitzter Form erneut: „Sie dürfen nur mit ‚ja‘ oder ‚nein‘ antworten: Können Sie sich eine Kooperation mit der Linkspartei vorstellen nach der Wahl?“ „Das ist überhaupt nicht mein Thema“, entgegnete Schulze erneut. „Sie haben das Gedankenexperiment nicht verstanden“, erwiderte der Reporter. „Das ist zu hoch für mich. Das verstehe ich jetzt nicht, was Sie meinen.“ Auch wenn sich der CDU-Politiker schließlich doch noch einmal selbstbewusst gab („Es wird keine Koalitionsgespräche mit der Linkspartei geben“), vergab van der Horst schließlich den Auftrag an sich selbst, mit der Linken zu sprechen.
In Tangermünde traf der ZDF-Satiriker im Wahlkampf auf Eva von Angern und den früheren Ministerpräsidenten von Thüringen, Bodo Ramelow, um diese „im Auftrag der CDU“ für Koalitionsgespräche auf „Linie zu bringen“. „Wir haben schon immer mit der CDU geredet. Das ist nichts Besonderes und nichts Neues“, erklärte die Spitzenkandidatin der Linken. „Mir ist es wichtig, immer wieder darauf hinzuweisen, dass Demokratinnen und Demokraten in der Lage sein sollten, zu reden.“
In Sachsen-Anhalt habe das seit jeher gut funktioniert – bis die Bundespolitik sich eingemischt habe. Zwischen der CDU und der Linken herrsche „keine Liebe“. Sie gehörten auch grundsätzlich nicht zusammen, gestand von Angern. „Aber wir haben frühzeitig in Ostdeutschland und auch in Sachsen-Anhalt und in den Kommunen gelernt, dass miteinander reden sehr sinnvoll ist, um Interessen von Menschen zu vertreten.“ Und an den amtierenden Ministerpräsidenten gewandt, erklärte die Spitzenkandidatin: „Lieber Sven, schenke mir echte Blumen. Dann hat das in Sachsen-Anhalt mit uns eine Chance.“
In Berlin trafen Köster und van der Horst die „Zeit“-Journalistin Jana Hensel, die Anfang des Jahres ihr Buch „Es war einmal ein Land – Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet“ veröffentlicht hatte. Sie blickte zurück auf den Abend der letzten Bundestagswahl, als sich Ostdeutschland nahezu vollständig blau gefärbt hatte. „Die alten Umrisse der DDR, die einem dann noch mal vor Augen traten – ein Bild, was ich zuletzt in meiner Schulzeit in den 80er Jahren gesehen hatte –, das war ein Schock“, gestand die Autorin. „Der starke Erfolg der AfD im Osten ist auch eine Kritik an der in Teilen gescheiterten Wiedervereinigung.“
Die Frage, ob die AfD im Falle eines Wahlsieges zumindest ihre Wählerschaft zufriedenstellen werde, verneinte Hensel mehrfach. „Die Sehnsucht nach Disruption, die Hoffnung auf eine radikale Veränderung der Situation, des Status quo scheint größer zu sein als die Frage: ‚Was bringt mir das AfD-Wählen für mich selbst?‘“, erläuterte sie. „Die AfD wird die nächste große Enttäuschungserfahrung der Ostdeutschen sein – da bin ich mir ziemlich sicher.“
Justus Geilhufe, Pfarrer in Großschirma, begründete die AfD-Ergebnisse in den ostdeutschen Bundesländern mit Nostalgie. „Es gibt eine wahnsinnige DDR-Verklärung. Es gibt super viele Leute – auch Leute, die jünger sind als ich –, die ein Grundgefühl haben, dass die DDR ganz geil war“, schilderte der 36-jährige Theologe. Über seinen Vater habe es Stasi-Akten gegeben, seine Mutter habe ihren Beruf nicht ausüben können und weder er noch seine Geschwister hätten in der DDR Abitur machen dürfen. „Wir sind welche, die immer gelernt haben: Seid froh, dass das vorbei ist.“
„Jetzt leben wir unter einer Reihe von Leuten, die so tun, dass so ein Deutschland unter Friedrich Merz das Gleiche wie die DDR war – nur eben ohne die schöne Ordnung, ohne den schönen Zusammenhalt und ohne die Klarheit, die es damals gab. Das ist echt beängstigend“, beanstandete Geilhufe. Den gemeinsamen Auftritt von Ulrich Siegmund mit dem Kabarettisten Uwe Steimle, bei dem sie „Auferstanden aus Ruinen“ gesungen hatten, bewertete der Pfarrer als „total konsequent“. „Ich könnte mir sogar vorstellen, dass das kein Ausrutscher war. Sondern dass das eigentlich eine Strategie ist, dass alles das, was man sich von der DDR herbeisehnt, mit der AfD zurückkommt.“
Zum Abschluss ihrer Reise zur Landtagswahl bemühte sich Köster, den AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund abzupassen, nachdem Interviewanfragen der „Heute-Show“ mehrfach ignoriert worden seien. Das zuvor bereits publik gewordene Gespräch in Oranienbaum unterschied sich deutlich von den Strategien, mit denen die politische Konkurrenz den satirischen Außenreportern begegnete. Während Bundeskanzler Friedrich Merz die Fragen generell ignorierte, Markus Söder oder Mathias Middelberg die Gespräche nutzten, um Sympathiepunkte zu sammeln, und Karl Lauterbach oder Philipp Amthor versuchten, dabei ihr Image zu schärfen, begegnete der AfD-Politiker Köster konfrontativ.
Siegmund markierte ihn – wenn auch mit breitem Grinsen – als Feind, kokettierte damit, dass dieser in Kürze seinen Job verlöre, attestierte ihm einen Mangel an Humor, Wissen und Kreativität, wischte Kritik beiseite („Wen interessiert das?“) und warf Köster vor, gegen den Staat zu kämpfen. So dürfte es auch seine Anhängerschaft gesehen haben, die sich nach der jüngsten Berichterstattung in Kommentaren wie „In China wären sie weg – erschossen, so einfach“, „Solche Typen sind mitverantwortlich für jede Vergewaltigung“ oder „Einfach zusammentreten und im eigenen Blut liegen lassen“ über Köster ausgelassen hatte.
So weit ging Siegmund selbstredend nicht. Stattdessen verabschiedete er den ZDF-Mitarbeiter fröhlich provozierend: „Herzlich willkommen in Sachsen-Anhalt – hier zerschellt der öffentlich-rechtliche Rundfunk an der Realität, wir holen uns unser Land zurück!“