Pryluky (Ukraine) – Ein Augenblick reicht, um Olgas Leben – so wie sie es bisher kannte – auszulöschen. Die Fünfjährige mit den langen braunen Haaren, die alles liebt, was rosa ist, lebt mit ihrer Familie in einem fünfstöckigen Wohnhaus in Pryluky im Nordosten der Ukraine: Es ist noch früh am Morgen, als eine russische Rakete ihr Zuhause in Schutt und Asche legt. Ihre Mutter Jekaterina (†37), Großmutter Viktoria (†58) und ihr kleiner Bruder Alexander sterben. Er wird nur ein Jahr und neun Monate alt. Olga überlebt als Einzige.
Die 51.000-Einwohner-Stadt Pryluky hatte zuletzt viel Zuzug erfahren durch Familien, die aus den Frontgebieten fliehen mussten. Sie hatten gehofft, weiter nördlich vor Putins Terror sicher zu sein. Doch niemand ist mehr sicher in der Ukraine, seitdem Raketen und Drohnen beinahe jeden Winkel im Land erreichen können – und es an der Flugabwehr fehlt. Auch Olga und ihre Familie nicht. Am frühen Morgen des 7. Oktober trifft eine von sechs russischen Raketen, die Putin an seinem Geburtstag auf die Stadt abfeuern lässt, Olgas Wohnhaus.
Die Fünfjährige hält sich zu diesem Zeitpunkt in dem Zimmer auf, das zum Innenhof zeigt. Ein Detail, das ihr vermutlich das Leben rettet. Gegen 10.30 Uhr – mehr als drei Stunden nach dem Einschlag der Rakete – wird das verletzte Mädchen von Einsatzkräften entdeckt und aus den Trümmern gezogen. Sie kommt in ein Krankenhaus. Auch die dreijährige Zlata kann lebend geborgen werden. Das Foto eines Feuerwehrmanns, der das Mädchen nur in ihrer rosafarbenen Unterhose und von Kopf bis Fuß in Staub gehüllt zum Krankenwagen trägt, geht viral.
Für viele der anderen Verschütteten kommt jede Hilfe zu spät. Auch für fünf Kinder. Vor dem völlig zerstörten Haus haben sich Überlebende versammelt, in Decken gehüllt starren sie auf die Rettungsarbeiten. Sie warten darauf, wer als Nächstes aus dem Schuttberg geholt wird. Die ganze Stadt steht unter Schock. Neben dem Zuhause von Olga treffen Putins Raketen noch weitere Wohnhäuser in Pryluky – auch ein Kinder- und Jugendzentrum wird beschädigt. Am Ende des Tages zählen die Behörden 20 Tote und mehr als 50 Verletzte.
„Putin soll fühlen, was unsere Kinder fühlen“
„Als Christ kann man niemandem den Tod wünschen“, sagt eine Anwohnerin in Pryluky dem Kyiv Independent über Kremlchef Wladimir Putin (74). „Aber ich wünsche mir, dass er und die Menschen um ihn herum fühlen, was unsere Kinder fühlen.“ Schmerz. Die fünfjährige Olga wird er lange begleiten: Schmerz nicht nur am Körper, sondern auch in der Seele.
Geblieben ist ihr immerhin der Vater. Laut dem ukrainischen Portal THC hielt er sich im Ausland auf und war gerade auf dem Heimweg, als ihn die Nachricht vom Tod seiner Frau, der Schwiegermutter und seines kleinen Sohnes erreichte.