Es ist der Song, der im Handball-Winter 2007 eine ganze Nation in ihren Bann zog: „Wenn nicht jetzt, wann dann...?“ von den Höhnern begleitete die DHB-Auswahl vor 19 Jahren zum WM-Titel. Nun hört man die Liedzeile in Paris bei den French Open allenthalben. Und zwar auf Alexander Zverev (29) bezogen. Dem Hamburger fehlen noch drei Siege bis zum erfüllten Lebenstraum. Noch drei Siege bis zur Vollendung. Noch drei Siege, bis seine Fans aufatmen können: „Na endlich!“
Wenn nicht jetzt, im 41. Anlauf, wann dann wird die Nummer 3 der Welt einen Grand-Slam-Titel gewinnen? Wenigstens diesen einen, den er sich schon so lange verdient hat und den er seit zwölf Jahren jagt? Viele Experten meinten damals, dass er Boris Beckers sechs Slams pulverisieren werde. Keinen einzigen hat er bis jetzt. Nun ist er 29, statt 17. Gelingt es ihm, bleibt Goran Ivanisevic (54) der „Rekordhalter“, der 48 Versuche bis zu seinem ersten (und einzigen) Grand-Slam-Titel 2001 in Wimbledon benötigte.
Das Tor für Zverev ist weit offen. Die Dominatoren der vergangenen beiden Jahre, die von 2024 bis zu den Australian Open 2026 alle neun Majors unter sich ausmachten, stellen keine Gefahr dar. Der Weltranglisten-Zweite Carlos Alcaraz (23) sagte seine Teilnahme wegen einer Handverletzung ab, Jannik Sinner (24), die Nummer 1 der Welt, flog, von der Hitze gezeichnet, früh raus.
Zverev ist Olympiasieger, gewann 2021 in Tokio. Er ist zweimal Weltmeister, hat sieben Masters-Titel und stand in drei Grand-Slam-Finals. Bei den US Open 2020 war er gegen den Österreicher Dominic Thiem (32) nur zwei Punkte vom Titel entfernt. Gegen Alcaraz in Paris 2024 brach er nach 2:1-Satzführung völlig ein. Bei den Australian Open 2025 hatte er gegen Sinner nicht den Hauch einer Chance. Nun aber liegt der Titel bereit, quasi auf dem Silbertablett, wie man so schön sagt. Ausländische Journalisten kommen und sagen, ohne den Höhner-Song zu kennen, genau diesen Satz: „Wenn nicht jetzt, wann dann...?“
Zverev selbst macht es richtig, konzentriert sich nur auf den kommenden Gegner. Am Dienstag (gegen 15 Uhr, Eurosport live) muss er gegen das spanische Talent Rafael Jodar (19) ran. „Er ist fantastisch. Zu Beginn der Sandplatzsaison lag er außerhalb der Top 100, oder? Nach dieser Woche steht er nahe an den Top 20. Dafür gebührt ihm große Anerkennung. Er spielt ein fantastisches Tennis. Ja, ich freue mich auf unser erstes Aufeinandertreffen, das hoffentlich unterhaltsam wird“, sagt der Favorit.
Zverev ist der einzige Top-5-Spieler, der noch im Turnier ist. Die Favoritenrolle kann er nicht wegschieben. Mit 9:19 Stunden stand er über drei Stunden weniger auf dem Platz als Jodar. Ein Vorteil? „Der ist jung, der erholt sich schnell“, lacht Zverev. Im Halbfinale könnte er auf Jakub Mensik (20) oder Joao Fonseca (19) treffen, der die Tennis-Ikone Novak Djokovic (39) rausgehauen hat. Im Finale dann gebe es die Chance auf den wiedererstarkten Felix Auger-Aliassime (25), der als Nummer 6 der Welt der zweitbeste im Turnier verbliebene Profi hinter Zverev ist. Auch möglich: Flavio Cobolli (24), gegen den der Olympiasieger von 2021 das Halbfinale in München verlor, ihn wenige Tage später aber in Madrid ebenso klar schlug.
Auffällig: Außer gegen Cerundolo, gegen den er noch nie spielte, hat Zverev gegen alle anderen eine positive Bilanz. Es bleibt also auch statistisch dabei: wenn nicht jetzt, wann dann...? Selbst das Wetter soll am Finaltag wieder sommerlich warm werden, 26 Grad im Schatten am Sonntag. Das hieße um die 30 Grad auf dem Platz unten, dem Court Philippe Chatrier. „Ich liebe die Hitze“, wiederholt Zverev täglich. Viertelfinale und Halbfinale kommen ihm von diesem Aspekt her eher nicht entgegen. Es werden knapp über 20 Grad sein.
Tennis-Ikone Boris Becker (58) macht ihm Druck: „Zverev muss niemanden fürchten.“ Altmeister John McEnroe (67): „Zverev ist ganz offensichtlich der Favorit. Das ist seine große Chance. Er wird aber Druck spüren.“ Andre Agassi (56) ist ebenfalls vom Deutschen überzeugt. Bei TNT Sports sagte er: „Alexander Zverev ist ein unglaubliches Talent. Jeder, der 1,98 Meter groß ist und sich so bewegen kann wie er, ist auf jedem Belag gefährlich. Seine Rückhand ist wohl die beste, die wir je im Tennis gesehen haben. Aber für meinen Geschmack ist er häufig zu passiv, weil er auf seiner Vorhandseite zu oft zu offen ist. Wenn er es schafft, seine Vorhand in der Vorwärtsbewegung noch besser einzusetzen, würde er sein Spiel auf ein ganz neues Niveau heben.“ Und ihn zum ersehnten Grand-Slam-Titel führen. Wenn nicht jetzt, wann dann...?