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„Andere sind zu Höherem berufen“, singt Paul McCartney über die Jugendjahre

„Andere sind zu Höherem berufen“, singt Paul McCartney über die Jugendjahre

Zwar wird man schusseliger im Alter, dafür klart die eigene Jugend wieder auf. Grautöne färben sich. Ein Phänomen, das Paul McCartney, der wichtigste lebende Musiker des 21. Jahrhunderts, in ein Meisterwerk verwandelt hat. „The Boys of Dungeon Lane“ erzählt von seiner Kindheit nach dem Krieg in Liverpool. Er blickt zurück in Schwarz und Weiß und sieht die Jungs der Dungeon Lane, der dunklen Gasse am Ufer des Mersey: „Einige von ihnen werden Schmerz fühlen“, singt der ewige Beatle. „Andere sind zu Höherem berufen.“

Zu den anderen gehörten er und einer seiner Freunde aus der Nachbarschaft: John Lennon. John und Paul, so schildert es McCartney in „Days We Left Behind“, dem anrührendsten Song des neuen Albums, schworen sich einige Straßen weiter, in der Forthlin Road, auf ein Geheimnis ein, das er noch heute nicht verrät. Vielleicht war es bereits das gegenseitige Versprechen, eine Band zu gründen und gemeinsam Klassiker zu schreiben.

Wer im Alter in Erinnerungen schwelgt, weiß glücklicherweise, wie es ausging – nie so wie gedacht: Mit 14 Jahren komponierte und mit 24 sang McCartney „When I’m Sixty-Four“. Mit 64 würde er, wie er im Lied einer Geliebten prophezeite, kahl sein und vergesslich. Aber wenn sie auch im Alter für ihn sorgen wolle, könne er sich noch im Haushalt nützlich machen.

Am 18. Juni wird er 84. Kein Werk ist allgegenwärtiger als das der Beatles. Aktuell läuft ein Konzertfilm mit John Lennon und Yoko Ono in den Kinos. Ringo Starr spielt Country und erinnert sich in seinen Liedern ebenfalls daran, wie er in Liverpool im Krieg geboren wurde, Hunger litt und Armut, aber glücklich aufwuchs. Paul McCartney bringt pausenlos alte Platten neu heraus, macht Bücher, Filme und geht auf die Bühnen. Die „Anthology“ der Beatles, ihr vor 30 Jahren voreilig der Menschheit hinterlassenes Vermächtnis, haben die Erben und Überlebenden neu aufgelegt, erweitert und mithilfe Künstlicher Intelligenz um „Now and Then“ erweitert, einen neuen alten Song über den Lauf der Zeiten.

Im Buch der „Anthology“, der Beatles-Bibel, erzählt McCartney auch von den Burschen der Dungeon Lane: „Oft gingen wir die Dungeon Lane runter zum Strand, wo der Leuchtturm am Mersey-Ufer stand. Einmal knöpften mir dort zwei Typen, die stärker waren als ich, meine Uhr ab. Ich war zehn. Sie wohnten eine Straße weiter – ihr Garten grenzte an unseren – also musste ich nur zu meinem Vater sagen: ‚Das ist er, Dad. Er hat meine Uhr genommen.‘ Wir zeigten sie an, und sie kamen vor Gericht und in eine Besserungsanstalt, die dummen Jungs.“ Wie in „The Days We Left Behind“, seiner nostalgischen Ballade: Aus manchen ist nichts geworden und aus manchen mehr, als sie sich in der Gegend um die Dungeon Lane damals erträumt hätten.

„Down South“ erzählt von einer Tramptour mit George Harrison, auf der sie Freunde wurden, bevor sie, wie es im Text heißt, „Twist & Shout“ auf der Gitarre spielen konnten. „Salesman Saint“ ist eine Hymne an sein Elternhaus. Sein Vater, singt er, war ein Handelsmann und seine Mutter eine Heilige. Im Krieg löschte der Vater, James McCartney, die Brände der deutschen Bomben. Mutter Mary pflegte die Verwundeten im Lazarett und wurde Hebamme.

Bei den McCartneys wurde musiziert. Paul schrieb mit 14 seine ersten Songs, als Mary starb, darunter „When I’m Sixty-Four“. Zwei Jahre später starb John Lennons Mutter. Zwei trauernde Halbwaisen gründeten eine Band, die größte aller Zeiten. Davon handeln heute wieder Songs wie „Momma Gets By“ (siehe „Lady Madonna“, 1968) und „We Two“ (siehe „Two of Us“, 1969).

Miteinander singen die beiden noch lebenden Beatles, Ringo Starr und Paul McCartney, „Home to Us“: „Du würdest denken, dass der Ort, an dem wir einmal lebten, nicht viel hermachte. Aber er war unser Zuhause. Und man sähe es dir nach, wenn du ihn für zu rau gehalten hättest. Aber er war unser Zuhause.“ Die eigene Jugend sollte mit dem Alter immer schöner sein, als sie es war. Auch das will Paul McCartney mit seinen gesungenen und gespielten Memoiren sagen.

Paul McCartney: The Boys of Dungeon Lane (Capitol)

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