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Russland stoppt den Export – jetzt droht die Kerosin-Eskalation

Russland stoppt den Export – jetzt droht die Kerosin-Eskalation

Nach der bislang größten Angriffsserie der Ukraine auf Ölanlagen in Russland hat das Land am Montag ein generelles Exportverbot auf das eigene Kerosin verhängt. Die Entscheidung ist nicht nur ein Eingeständnis der großen Wirksamkeit der ukrainischen Drohnenstrategie, die bis tief ins Land hinein große Schäden an der industriellen Infrastruktur anrichtet. Sie zeigt zugleich die hohe Verwundbarkeit der Raffinerie-Infrastruktur und verstärkt den Druck auf die globale Treibstoffversorgung.

Nach einem Bericht der „Moskow Times“ will Russland bis zum 30. November kein Kerosin mehr exportieren. Transportminister Andrei Nikitin begründete diesen historisch einmaligen Schritt Reportern gegenüber mit den „Interessen unserer Airlines“. Um den Flugbetrieb in dem riesigen, stark vom Flugverkehr abhängigen Land zu sichern, will Russland nun mit Ausnahme bereits geschlossener Sonderhandelsabkommen kein Kerosin mehr ins Ausland liefern.

Damit reagiert die Putin-Regierung auf eine offenbar erhebliche Schwächung der heimischen Ölverarbeitungsindustrie. Die ukrainische Drohnenkampagne hatte im Mai Berichten zufolge mit mindestens 30 Angriffen auf Großraffinerien in Rjasan, Jaroslawl, Perm, Tuapse und Nischni Nowgorod sowie auf Exportterminals und Pipelines einen neuen Höhepunkt erreicht. Um kurzfristige Reparaturarbeiten zu verhindern, griff die Ukraine dabei in mehreren Fällen wiederholt dieselben Anlagen an. In der Folge ist die Raffinerie-Kapazität laut der Nachrichtenagentur Bloomberg um 700.000 Barrel pro Tag gesunken und liegt nun auf dem niedrigsten Stand seit Oktober 2009.

Der Exportstopp könnte nach ersten Einschätzungen zunächst bei mittelasiatischen Staaten zu weiteren Verknappungen führen und diese zwingen, Treibstoff aus anderen Quellen zu beziehen. Dies erhöht den Druck auf die prekäre globale Kerosin-Versorgung. Aufgrund der anhaltenden Sperrung der Straße von Hormus sind insbesondere europäische und asiatische Airlines von ihrer wichtigsten Bezugsquelle für Flugtreibstoff abgeschnitten. Die Versorgungslücke kann nur teilweise durch Lieferungen aus Ländern wie den USA und Nigeria ausgeglichen werden.

Kerosinknappheit schon im Juli?

Die Reserven in Europa gehen allmählich zur Neige. Analysten erwarten, dass die Kerosinknappheit nach Großbritannien im Juli oder August auch in Festlandeuropa ein kritisches Ausmaß annehmen könnte. Die Flughäfen Edinburgh und Glasgow meldeten am Montag bereits vorübergehende Versorgungsprobleme mit Treibstoff. Zugleich führt der Nachfrageüberhang auf den Weltmärkten schon jetzt zu stark gestiegenen Kerosinpreisen, die Airlines nur bedingt an Kunden weitergeben können.

Nachdem bereits die US-Billigairline Spirit den Betrieb einstellen musste, befürchten Branchenbeobachter weitere Airline-Insolvenzen. Betroffen wären vor allem die USA, wo Fluggesellschaften sich für gewöhnlich nicht gegen steigende Treibstoffpreise absichern, anders als die meisten europäischen Konkurrenten.

In Deutschland haben in den vergangenen Tagen Airlines wie Lufthansa, Eurowings und Tuifly in konzertiert wirkenden öffentlichen Erklärungen die Sicherheit der Kerosin-Versorgung in diesem Sommer betont. Vorausgegangen waren nach WELT-Informationen teils dramatische Buchungsrückgänge. Offenbar sehen viele Kunden von einer Flugreise ab, aus Sorge, den Urlaub wegen Treibstoffmangels nicht antreten zu können oder nicht mehr zurückzukommen.

„Kerosin-Versorgung im Sommer stabil – Buchen Sie Lufthansa Group“, titelte dementgegen nun der Lufthansa-Konzern in einer Pressemitteilung, in der Konzernvorstand Dieter Vranckx in einem selbst geführten Interview erklärte, dass es selbst im Falle von Flugausfällen wegen Treibstoffengpässen eine „Geld zurück“-Garantie auf den Ticketpreis gebe.

Einen sorgenvolleren Blick auf die Versorgungslage wirft man indessen bei der EU-Kommission, deren Taskforce erst vor ein paar Tagen erneut vor drohenden Engpässen warnte. Nachdem Verbraucher in allen EU-Ländern wegen der Schließung der Straße von Hormus bereits preisliche Auswirkungen bei allen wichtigen Erdölprodukten zu spüren bekommen hätten, will man zukünftig auch eine physische Verknappung nicht mehr ausschließen: „Sollte sich die Lage in den kommenden Wochen nicht verbessern, ist mit einer zunehmenden Verknappung der Märkte zu rechnen, insbesondere bei Kerosin“, heißt es in einem Update der Koordinierungsgruppe.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ geschrieben.

Steffen Fründt ist Wirtschaftskorrespondent der WELT-Gruppe und berichtet über Luftfahrtbranche und Tourismus.

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