Dass Christine Wunnicke den Georg-Büchner-Preis, die wichtigste literarische Auszeichnung für deutschsprachige Literatur, erhält, ist nur auf den allerersten, oberflächlichen Blick eine Überraschung. Natürlich, sie war immer beim – in diesem Frühjahr eingestellten – Berliner Kleinverlag Berenberg (aber woran misst sich „Größe“?), ist im Ausland kaum bekannt (was heißt das schon?) und ihre schmalen historischen Romane handeln von entlegenen, fast exotisch erscheinenden Ereignissen (aber was ist in der Literatur „entlegen“?): von einem japanischen Neurologen des 19. Jahrhunderts auf Bildungsreise in Europa etwa. Oder von einem persischen Astrolabienbauer, der auf einer Pilgerfahrt strandet. Oder von einer Blumenzeichnerin im Frankreich der Französischen Revolution.
Doch hat sich hier in den vergangenen Jahren angedeutet, dass Wunnicke als Schriftstellerin in immer höhere Umlaufbahnen geriet, sodass die literarische Starwerdung nur noch eine Frage der Zeit schien. Sie war auf der Longlist und zweimal schon, 2020 und 2025, auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, und bekam für „Die Dame mit der bemalten Hand“ den Wilhelm-Raabe-Preis, einen jener Handvoll Goldader-Literaturpreise in Deutschland, die einer definitiven Kanonisierung vorausgehen.
In diesem Roman von 2020, der den literarischen Durchbruch der in München lebenden Autorin bedeutete, lässt sie die historische Figur des Kartografen und Forschungsreisenden Carsten Niebuhr (1733–1815) auf der indischen Insel Elephanta stranden, wo er seinen persischen Kollegen trifft und ein auf gebrochenem Arabisch geführter Dialog der Kulturen entsteht. Ein Teil des Witzes entsteht, darin Daniel Kehlmanns „Vermessung der Welt“ nicht unähnlich, durch sprachliche Missverständnisse. (Wunnicke ist übrigens auch eine herausragende literarische Übersetzerin.)
Die Reduktion, die Verdichtung und die Auslassung von umständlichen Erklärungen sind ein weiteres Kennzeichen ihrer Werke: Wunnicke stürzt ihre Leserschaft gern in medias res und Hals über Kopf in die historische Romanwelt, sodass man sich ebenso in einer fremden Umgebung zurechtfinden muss wie die Figuren selbst.
Wo historische Romane in der Regel – von Umberto Eco bis Hilary Mantel – umfangreiche Schinken sind, kreisen Wunnickes streng komponierte, aber im Detail hochfein ausgeführte Erzählungen um wenige zentrale Motive – die von unstillbarer Neugier angetriebene Wissenschaftsgeschichte ist eines davon. Die 1966 in München als Kind eines Psychiater-Ehepaars geborene Autorin wollte selbst einmal Biochemie studieren, wurde jedoch vom langen Herumstehen im Labor abgeschreckt und wandte sich dann der Sprachwissenschaft und der Psychologie zu. Die Anfänge der modernen Naturwissenschaft sind aber für sie ein Faszinosum geblieben. Ebenso wie die andere Seite der Rationalität, das Spuk- und Geisterhafte, das die Moderne wie ein Schatten stets begleitete.
Kein Zufall, dass sie sich selbst, wiewohl beinharte Atheistin und von esoterischen Anwandlungen gänzlich frei, als ein „Medium“ ihrer historischen Personen beschreibt. Als Autorin reizt sie gerade das Unerklärliche daran, die besondere Form von Besessenheit einer Autorin durch ihre eigenen Figuren, auch der stets von einem Mysterium umgebene Zufall der Stoffwahl, der etwa bei den Japan-Romanen – „Nagasaki, ca. 1642“ (2010) und „Der Fuchs und Dr. Shimamura“ (2015) – gar nicht auf speziellen Studien oder längeren Aufenthalten beruht.
Noch in einer anderen Hinsicht sperren sich ihre Werke dem Zeitgeist, der auch und gerade im historischen Fach starke, freie Frauenfiguren verlangt. Dass sie sich auffällig oft in Männer (real-historische und erfundene) hineinversetzt, hat auch den Grund, dass Frauen in der Vergangenheit meist in Konventionen gefangen und ganz real unfrei waren. „Da müsste ich entweder etwas historisch Falsches schreiben oder eine Geschichte über Frauenbefreiung“, hat sie in einem Interview mit der „Literarischen Welt“ gesagt. Da sei es praktischer, gleich homoerotische Geschichten zu erzählen. Doch hat Wunnicke einen scharfen, postkolonialen Blick auf die Machtgefälle im historischen Setting.
Ihr jüngster, von der Kritik gefeierter Roman „Wachs“ (2025), der von zwei bemerkenswerten Frauen im Frankreich vor und nach der Revolution erzählt, bildet eine Ausnahme: die Eroberung eines neuen Terrains, das sie zuvor eher gemieden hat. Christine Wunnicke ist eine schreibende Forscherin, die ihre literarischen Stoffe wie in Versuchsanordnungen aufeinandertreffen lässt. Dass Judith Schalansky, eine andere brillante literarische Experimentatorin, im Oktober in Darmstadt die Laudatio halten wird, passt ausgezeichnet.
Sie sei kein ‚Öffentlichkeitsfan‘“, hat Christine Wunnicke einst im Gespräch gesagt. Lesungen von ihr sind äußerst rar, Interviews gibt sie nur wenige. Daran wird auch der Büchner-Preis nichts ändern; eine Literaturbetriebsnudel wird aus Christine Wunnicke nicht mehr werden. Aber die Buchwelt kann mit ihr eine Schriftstellerin feiern, die wie keine zweite Neuland erkundet. Es sind die Aufbrüche und Anfänge, aus denen der historische Fortschritt gemacht ist. Auch in der Literatur.
Nach der bedauerlichen Auflösung ihrer bisherigen Verlagsheimat Berenberg wird in 14 Tagen die Taschenbuchausgabe von „Wachs“ im Schweizer Diogenes-Verlag erscheinen (224 Seiten, 15 Euro).