Haben Sie manchmal das Gefühl, die Zeit rennt Ihnen davon? Ganz falsch liegen Sie damit nicht. Denn ausgerechnet unsere Erde hat in den vergangenen Jahren immer wieder ordentlich Tempo gemacht. Jetzt zieht die Welt daraus Konsequenzen: Die Generalkonferenz für Maß und Gewicht hat in Versailles beschlossen, die bisherige Schaltsekunde abzuschaffen.
Natürlich merken wir von der schnelleren Erdrotation nicht wirklich etwas. Die Unterschiede betragen nur Bruchteile einer Sekunde. Doch für die hochpräzise Zeitmessung wird unser unruhiger Planet zum Problem.
Schon 2020 wurden 28 der kürzesten Tage seit Beginn der modernen Messungen registriert. 2022 folgte ein neuer Rekord. Am 5. Juli 2024 brauchte die Erde für eine Umdrehung sogar rund 1,66 Millisekunden weniger als 24 Stunden. Auch 2025 gab es wieder besonders kurze Tage.
Warum dreht sich die Erde nicht immer gleich schnell?
„Die Erde ist kein starrer Körper“, sagt Andreas Bauch von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt zu BILD. Entscheidend sei auch, wie die Massen unseres Planeten verteilt sind. Bauch vergleicht das mit einer Pirouette auf dem Eis: Je nachdem, ob die Arme angelegt oder ausgestreckt werden, verändert sich die Drehgeschwindigkeit.
Langfristig wird die Erde unter anderem durch die Gezeitenkräfte von Mond und Sonne gebremst. Kurzfristig können andere Einflüsse sie aber auch schneller drehen lassen.
Was hat die Schaltsekunde damit zu tun?
Unsere Weltzeit UTC richtet sich nach Atomuhren, die extrem gleichmäßig ticken. Die astronomische Zeit UT1 orientiert sich dagegen an der Erdrotation. Seit 1972 wurde deshalb 27-mal eine Schaltsekunde eingefügt, damit beide nicht zu weit auseinanderlaufen. Zuletzt geschah das am 31. Dezember 2016: Die letzte Minute des Jahres dauerte damals 61 statt 60 Sekunden.
Doch solche Korrekturen können Computersysteme aus dem Takt bringen. Es gab Berichte über Probleme etwa bei Buchungssystemen in der Luftfahrt und in Netzen von Energieversorgern.
Und die zuletzt schnelle Erde schuf ein ganz neues Problem: Dreht sie sich weiter entsprechend schnell, könnte erstmals eine negative Schaltsekunde nötig werden. Dann würde keine Sekunde hinzugefügt, sondern eine übersprungen. So etwas hat es noch nie gegeben.
Dazu soll es nun gar nicht mehr kommen. Die Generalkonferenz für Maß und Gewicht hat beschlossen, künftig einen deutlich größeren Unterschied zwischen Atomzeit und Erdrotation zuzulassen. Die Schaltsekunde ist damit Geschichte.
Gehen unsere Uhren jetzt falsch?
Nein. Für unseren Alltag ändert sich erst einmal nichts. Unsere Uhren gehen weiter richtig.
Und wenn wir trotzdem wieder einmal das Gefühl haben, dass die Zeit immer schneller vergeht? Dann ist daran zwar nicht wirklich die Erde schuld. Aber ein kleines bisschen schwindelig machen kann sie uns schon.