Kultur

Sein Freund Erich Kästner liebte ihn, die Nazis hatten Angst vor ihm

Sein Freund Erich Kästner liebte ihn, die Nazis hatten Angst vor ihm

Es war eine triumphale Heimkehr nach Europa: 1946 druckte eine niederländische Zeitung die Karikatur eines Mannes, der einen Füllfederhalter geschultert, mit großem Hut und roten Schuhen und einem Netz voller übel gelaunter Diktatoren auf dem Rücken wohlgemut einer offensichtlich sonnigen Zukunft entgegenzupfeifen scheint.

Betitelt war die Zeichnung mit: „De Pen is machtiger“ (Die Feder ist mächtiger). Ihr Schöpfer heißt Walter Trier. Er hat sie alle überlebt, die Diktatoren. Er hat das Seine dazu beigetragen, dass sie nicht mehr Diktatoren sind. Dass man sie endlich verlachen kann, ohne Gefahr zu laufen, zum Tod verurteilt zu werden. 

Jeder kennt Trier. Von einem Buchdeckel, auf dem ein Mann ganz in flaschengrün fast im Stechschritt über einen grellgelben Berliner Platz schlendert, beobachtet von zwei Jungs, die sich hinter einer Litfaßsäule verstecken. De Chirico hätte das nicht schöner malen können.

Es ist greller Sommer. Die Schatten fallen scharf von rechts. Es ist das Bild vom Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Der zwischen Walter Trier und Erich Kästner. Einem weitgehend unbekannten Schriftsteller und einem Zeichner, der 1929, als „Emil und die Detektive“ erschien, längst Legende war, von unzähligen Titelbildern für die „Lustigen Blätter“, „Die Dame“, die „Jugend“ und viele andere Magazine bekannt.

Weltberühmt in der Reichshauptstadt und der Welt: „Wer, im damaligen Berlin mit Ziffern im Kopf, stupide vom Lärm der Stadt durch die Straßen hetzte und am erstbesten Kiosk einen ,Trier‘ sah, blieb stehen, holte Luft und – lächelte“, hat Erich Kästner mal gesagt. 

Kaum drei Jahre später war der 1890 in Prag geborene Trier, der wahrscheinlich produktivste und (bestbezahlte) illustratorische Chronist der Weimarer Republik, einer der ersten, der als Jude mit einem Berufsverbot belegt wurde. Kaum sechs Jahre später wiederum mussten die Triers – Frau und Tochter über die Schweiz, Trier über Paris – fliehen, weil die Gestapo vor der Tür des legendär idyllischen Trierschen Hauses in Lichterfelde stand. Die Nazis – Hitler ist neben Mussolini und Kaiser Hirohito natürlich einer der Männer im Netz des Zeichners – hatten Angst vor ihm. Und sie hatten recht damit. Das wussten sie aber noch nicht.

Unbotmäßigkeit gegenüber Autoritäten, Spott gegen alle Popanzen dieser Welt hatte Trier schon im klassizistischen Patrizierhaus in der Prager Altstadt gelernt. Jüngstes von sieben Kindern seines Vaters, der es mit einer Handschuhmanufaktur für den Wiener Hof und den restlichen k. u. k. Adel zu Wohlstand gebracht hatte. Walter war für die Zeichnungen in der Familienchronik zuständig. Die konnten gar nicht garstig genug sein. Was später zum Problem wurde, weil nicht jeder eine derartige Größe aufbrachte wie seine sechs Geschwister und seine Eltern. Von der Schule geworfen wurde er für seine satirischen Lehrerporträts. 

Er ging nach München zum erstaunlich langmütigen Franz von Stuck, entwickelte seine klare Zeichenlinie, sein extrem geniales Gefühl für Farbe und deren widerständische Kraft. Fing an, für den „Simplicissimus“ zu arbeiten, bekam von den „Lustigen Blättern“ ein Angebot aus Berlin, zwanzig war er da. Die hatten eine Auflage, die höher war als jede deutsche Tageszeitung. Das Angebot war Trier aber zu niedrig. Er forderte das Doppelte, bekam das Dreifache. Walter Trier, Fußballfan, Tennisspieler, Spielzeugsammler, wurde zum Jamal Musiala des deutschen Zeichnerwesens. 

Seit 1910 war er zwischen Modepuppen und einer enormen Spielzeugsammlung an der Spree. Zeichnete manisch von morgens um sieben bis nachts um elf. Sammelte die Realitäten der preußischen Hauptstadt auf. Verwandelte sie in die Spielzeugwelt seiner Fantasie. Warf sich mit Farbe und Stift auf die Gegenwart und ab 1914 auch der Kriegspropaganda an den Hals. Damit war er unter den linksliberalen Kollegen und Freunden nicht allein.

Operieren mit rassistischen Klischees

Seit Jahren ist die Favoritenpresse in Berlin die Zentralstätte der Erinnerung an Walter Trier. Jetzt gibt Antje M. Warthorst „Das politische Werk“ von Trier in einem reichhaltig und differenziert kommentierten Kompendium (184 Seiten, 45 Euro) heraus.

Es gibt darin auch Trier-Bilder, die mit chauvinistischen, nationalistischen, mit rassistischen Klischees operierten. Und die man gerade mal damit schönreden kann, dass Trier, der kritische Humanist, der moralische Aufklärer mit dem großen Herzen, im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen mit Hass gegeizt und allen, die es sehen wollten, die Hand gereicht hat.

Dass er unermüdlich zu beweisen versucht hat, dass Humor alle Inhumanität zu besiegen in der Lage ist. Die Zeit in den Schützengräben der Zeichenkunst hat Trier verändert, hat ihn zum Illustrator von Kinderbüchern gemacht, in der vagen Hoffnung vielleicht, damit nationalistische, rassistische Ausbrüche verhindern zu können. 

Und dann saß er da in London. Die Berliner Kollegen hatten ihn aus den Redaktionen gemobbt, hatten versucht, seinen Stil zu kopieren. Und Trier, der sich perfekt zu assimilieren verstand, war dankbar für die Freiheit, die ihm im Gegensatz zu vielen deutschen Geflüchteten gewährt wurde und die er in seinem neuen Haus zwischen Zeichentisch und Spielzeugschrank ausleben durfte.

Trier bekam, auch weil ihn seine Kästner-Bücher weltberühmt gemacht hatten, mehr Aufträge, als er umzusetzen in der Lage war. Hunderte Magazintitel, Tausende Illustrationen sind überliefert. Trier wurde Brite, kurz bevor er zu seiner Tochter nach Kanada auswanderte. 

Das britische Ministerium für Information finanzierte ihn, weil es erkannt hatte, dass ein Krieg nicht nur mit Waffen, sondern auch mit Füllfederhaltern zu gewinnen wäre. Und Trier den Deutschen vielleicht tatsächlich gefährlich werden konnte, denn er verwandelte Britanniens Widerstand in Kunst, gab ihm eine Bildsprache, entwarf Flugblätter. Zeichnete ein Leporello mit zehn Bildern, das die Royal Air Force über Deutschland und den besetzten Gebieten abwarf.

Ohne Worte, kleingedruckt, dass man’s in jeder Tasche verstecken konnte. Die Bildgeschichte von Adolf Hitler und wie er, halb wahnsinnig werdend wie M., der Mörder in Fritz Langs Film, durch seine Reichshauptstadt taumelt und überall V sieht. V als Kondensstreifen der Spitfire am Himmel, als Wurstformation auf dem Teller. V wie Victory. Am Ende hat er sich an einem der V aufgeknüpft, der Führer.

Trier hat ihn totgelacht. Hat ihn kleingemalt, wie er alle Großkopferten, alle Emporkömmlinge, alle Mächtigen kleingemalt hat, um ihnen ihre vermeintliche Größe zu nehmen und uns die Angst vor ihnen. Hat sie so lächerlich gemacht, wie sie sind. Das machte ihn so gefährlich.

Man lernt sehr viel aus Walter Triers politischem Werk. Das Buch ist eine Geschichtsstunde des 20. Jahrhunderts, ständig googelt man nach Debatten und Schlachten. Und ständig vermisst man einen Trier. Seine unbedingte Glücksbereitschaft. Seinen klaren Blick. Seine Menschlichkeit. Seinen moralischen Kompass. Beinahe jede Bombenlücke aus den großen Kriegen ist zugebaut. Eine der größten Wunden im deutschen Bewusstsein schwärt immer noch – die des messerscharf um sich blickenden Humoristen mit mitfühlendem Blick. 

Kaum anderthalb Jahre nach der Umsiedlung in die Nähe von Toronto, in ein selbstentworfenes Haus in den Blue Mountains, ist Trier 1951 gestorben. Aufträge hatte er auch in Kanada genug. Er konnte ja alles. Walt Disneys Anfrage, ob er, der schon in den 1920ern politische Zeichentrickfilme verfertigt hatte, sich vorstellen könne, nach Hollywood zu gehen, hat er abgelehnt. Er wollte nicht seinen Namen ablegen, in eine anonyme Zeichnerarmee eingehen, nicht zur höheren Ehre einer filmischen Diktatur arbeiten. Er wollte frei sein. Endlich so glücklich werden, wie die Welt seiner Fantasie. 

An gebrochenem Herzen sei Trier gestorben. Hat Erich Kästner, dem er gut 30 Bücher illustriert hat, geschrieben. Und dass Trier mit seinem Talent Glück verbreitet hat. „Und weil das so selten ist, hatte er Glück mit seinem Talent.“ Seinen herrlich positiven Humanismus haben wir nötig. Wir brauchen Walter Trier. Er macht – selbst in finstersten Phasen – glücklich.

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