Hamburg – Wenn die Treppe knarrt, hält Katha Rosa den Atem an. „Nachts wusste ich: Gleich kommt das Monster“, sagt die 33-Jährige heute. Sie geht noch in die Grundschule, als ihr Stiefvater beginnt, sie und ihre Zwillingsschwester zu missbrauchen. Erst mit 15 kann sie aussprechen, was ihr jahrelang angetan wurde.
Im Dokumentarfilm „Das Schweigen brechen – Von Mamas neuem Freund missbraucht“ erzählt Katha Rosa ihre Geschichte. Der Film von Bärbel Körzdörfer und David Körzdörfer läuft am 3. September um 22.45 Uhr im WDR. Vor der Ausstrahlung hat BILD sie zum Interview getroffen.
Die Angst schläft mit im Zimmer
An die Nächte von damals erinnert sich Katha Rosa als an einen Zustand völliger Starre. „Es war wie ein Einfrieren“, sagt sie zu BILD. Wenn ihr Stiefvater nachts in ihr Kinderzimmer kommt und sich an ihr vergeht, bewegt sie sich nicht. „Ich habe es nur über mich ergehen lassen.“ Im selben Zimmer schläft ihre Zwillingsschwester Franzi. Auch sie wird Opfer des Mannes. Beide wissen, was der anderen angetan wird. Doch sie sprechen nicht darüber.
„Lieber gar keinen Vater als ihn“
Zusammen mit ihren drei Geschwistern wächst Katha Rosa in Krefeld auf. Zum leiblichen Vater besteht lange kein Kontakt. Der neue Freund der Mutter füllt die Lücke nicht, er wird zum Schrecken der Familie. Kein Lärm, kein Singen, kein unbeschwertes Kindsein. „Wenn ich meinen Kakao umgerührt habe und der Löffel an die Tasse kam, gab es schon Ärger“, erinnert sich Katha Rosa. Als Strafe schlägt er die Kinder mit dem Kochlöffel, manchmal so lange, bis er zerbricht. Immer wieder flehen die Geschwister ihre Mutter an, den Mann zu verlassen. „Lieber gar keinen Vater als ihn.“ Doch sie hört den Hilferuf ihrer Kinder nicht. Oder will ihn nicht hören.
Der Mann verschiebt Grenzen, lange bevor Katha Rosa begreift, was geschieht. Wenn sie etwas von ihm möchte, soll sie auf seinem Schoß sitzen und ihn „Papa“ nennen, „Ich habe dich lieb“ sagen. Später zwingt er die Schwestern, mit ihm zu baden und ihn anzufassen. „Ich war da ungefähr neun“, erinnert sich Katha Rosa. Mit jedem Mal geht der Mann einen Schritt weiter. Und niemand hält ihn auf. Er missbraucht und vergewaltigt die Zwillinge über Jahre in ihren Kinderbetten. Gleichzeitig macht er ihnen weis, sie seien schuld. Sie seien die Bösen.
Mädchen wollte unsichtbar sein
Katha Rosa zieht sich immer weiter zurück. Sie will nicht hübsch sein, nicht gesehen werden. „Wenn jemand gesagt hat, ich sei hübsch, war das für mich eine Beleidigung. Schönheit war für mich ein Fluch.“ Stattdessen flüchtet sie sich in Fantasiegeschichten, die sie in ihr Tagebuch schreibt. Darin haben Menschen Superkräfte. Welche sie sich selbst gewünscht hätte? „Ich wollte unsichtbar sein.“ Mit 13 hält Katha Rosa die Last nicht mehr aus. Sie versucht, sich im Waschbecken zu ertränken. „Ich dachte: Wenn das das Leben ist, dann will ich nicht leben.“
Niemand merkt, wie verzweifelt das Mädchen ist. Bis sie im Sexualkundeunterricht in der 8. Klasse zusammenbricht. Als die Schüler üben sollen, ein Kondom über einen Holzpenis zu ziehen, fängt Katha Rosa plötzlich an zu weinen. Ausgerechnet das Mädchen, das sie sonst mobbt, nimmt sie mit nach draußen. Sie stellt keine Fragen. Sie schaut sie nur an und sagt: „Ich auch.“ Noch heute bekommt Katha Rosa Gänsehaut, wenn sie davon erzählt.
Nur zwei Jahre auf Bewährung
Die Wahrheit kommt ans Licht, als die Zwillinge 15 sind. Nach einem Arzttermin spricht Katha im Auto erstmals vor ihrer Mutter aus, was ihr Stiefvater ihnen angetan hat. Zu Hause eskaliert alles. Die Mutter stellt ihn zur Rede, die Polizei wird eingeschaltet. Doch das Aussprechen beendet das Leid nicht. Der Täter gesteht einen Teil der Vorwürfe vor Gericht. Das Urteil: zwei Jahre Haft auf Bewährung und 3000 Euro Schmerzensgeld. Er zahlt in Raten von 50 Euro. Monat für Monat landet sein Name auf Katha Rosas Kontoauszug. Monat für Monat drängt sich die Vergangenheit zurück in ihr Leben.
Bis heute lässt sie ein Gedanke nicht los: Der Mann lebt frei. „Ich habe Angst, dass er auch anderen Kindern etwas antut.“ Zu ihrer Mutter hat sie wieder Kontakt. „Für mich ist sie keine Mutterfigur, sondern eher eine Freundin.“ Lange war Katha wütend auf sie. Heute weiß sie, dass ihre Mutter damals depressiv und alkoholkrank war. Ihre Wut ist leiser geworden. Die Enttäuschung nicht.
Musik rettet Katha Rosa
2021 schreibt Katha Rosa einen Song über den Missbrauch. Das Lied geht viral. Tausende melden sich bei ihr. „Durch diese Nachrichten habe ich erst begriffen, wie vielen Menschen das passiert.“ Der Song verändert ihr Leben. Heute ist Katha Musikerin in Hamburg. Sie singt die Worte, die sie als Kind selbst gebraucht hätte: „Du bist nicht schuld.“
Noch heute hat Katha Rosa Flashbacks. Plötzlich sieht sie wieder das Gesicht ihres Stiefvaters über sich. „Ich glaube, das alles begleitet einen für immer. Aber es wird jedes Jahr etwas besser.“ Mit ihrer Geschichte möchte sie Eltern wachrütteln. Kinder müssen wissen: Sie dürfen mit allem zu Mama oder Papa kommen. Mit Angst. Mit Scham. Mit Dingen, für die sie vielleicht noch keine Worte haben. Denn Schweigen schützt nur einen: den Täter.