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Überzeugen Sie uns mit Taten, nicht mit leeren Worten

Überzeugen Sie uns mit Taten, nicht mit leeren Worten

Hat es so etwas jemals schon gegeben? Da fordern mehr als 300 Theaterleute ­– Intendanten großer Häuser und Festivals, bekannte Regisseure und Schauspielstars – in einem offenen Brief an das Berliner Theatertreffen, die Frauenquote wieder einzuführen. Von 2020 bis 2026 mussten bei dem renommierten Festival unter den zehn eingeladenen Stücken, den bemerkenswertesten des deutschsprachigen Raums, immer mindestens fünf von Regisseurinnen sein.

Die aktuelle Jury hat entschieden, keiner starren Quote zu folgen – trotz mancher Bedenken, die dagegen auch intern vorgetragen wurden. Ästhetik und Empowerment sollen zunächst einmal für die nächsten zwei Jahre getrennt beobachtet werden. Als „fatal“ wird das in dem offenen Brief bezeichnet. Dabei ist es der Brief, der ein fatales Signal sendet – an die Kunst, die Kritik und die Frauen.

Dass sich Leute in offenen Briefen für die gute Sache engagieren, ist natürlich ebenso zu begrüßen wie das kritische Echo, das die Quotenentscheidung der Theatertreffen-Jury hervorgerufen hat. Es zeigt, dass soziale Freiheit und Gerechtigkeit nicht egal sind – und das ist auch gut so. Doch der offene Brief geht viel weiter. Er versucht, die unabhängige Kritikerjury auf ganzer Linie zu delegitimieren. Das ist allein schon deshalb grotesk, weil dieselben Leute völlig zu Recht protestieren, wenn sich zum Beispiel Kulturstaatsminister in die Belange unabhängiger Jurys einmischen.

Absurd ist das außerdem, weil sie der Jury vorschreiben wollen, nach welchen Kriterien die Kritik die von ihnen produzierte Kunst betrachten soll. Will sich der Theaterbetrieb etwa gleich selbst nach eigens festgelegten Quoten zum Theatertreffen einladen und auf die Kunstkritik verzichten?

Eine Theaterkritik, die ihre Gegenstände nicht mehr ästhetisch beschreibt, kann einpacken. Ein Betrieb, der genau das von der Kritik fordert, will keine Kritik mehr. Sollen die Unterzeichner doch offen sagen, dass sie weder Kritikerjury noch Bemerkenswertes wollen, sondern stattdessen eine weitere Antidiskriminierungsstelle und Förderpreise. Sollen sie sagen, dass es keine geschützten Räume für jene menschliche Tätigkeit geben soll, die der rücksichtslosen Selbsterhaltung entzogen ist. Sollen sie dann aber bitte nicht die üblichen Klagegesänge anstimmen, dass die Relevanz des Theaters schwindet, die Medien nicht mehr berichten, das blasenferne Publikum wegbleibt und am Ende niemand mehr aufschreit, wenn öffentliche Zuwendungen infrage gestellt werden.

Vollends im absurden Theater landet der von David Heiligers, Jonas Link und Helge Schmidt (völlig richtig gelesen: Frauenquote null Prozent) initiierte offene Brief dadurch, dass er von mehr als 20 Theaterleitungen unterzeichnet wurde, die die Frauenquote als unverzichtbares Instrument preisen, um im Betrieb gegen strukturelle Ungleichheit anzugehen. Wohlgemerkt die Quote beim Theatertreffen und nicht an ihren eigenen Häusern.

Und wer ist denn eigentlich dieser Betrieb? Spielen uns die Intendanten jetzt etwa den Dorfrichter Adam aus „Der zerbrochne Krug“? Sie verteilen doch die Gelder, Posten und Aufträge. Sie sind mit ihren hochdotieren Intendantenverträgen an den Hebeln der Macht und tun jetzt einfach so, als säßen dort die Kritiker aus einer Jury.

Dass die Unterzeichnenden am Ende des Briefs der Jury des Theatertreffens gönnerhaft anbieten, sich an der „Weiterentwicklung und Differenzierung der Quotenkriterien“ zu beteiligen (sie wollen nämlich mehr Quoten, nicht nur für Frauen), klingt wie ein schlechter Scherz. Oder darf sich die Theatertreffen-Jury im Gegenzug demnächst an den Spielplänen und der Personalpolitik im Hamburger Thalia-Theater oder der Berliner Volksbühne beteiligen? Soll die Jury künftig Intendanten per Quote vorschreiben, wen sie einzustellen haben? Oder Regisseuren, wen sie in ihren Stücken besetzen sollen?

Das alles beiseite und zum Kern der Sache: Ist die Frauenquote ein wirksames und unverzichtbares Instrument gegen die strukturelle Benachteiligung von Frauen im Theater, wie der Brief behauptet? Die Jury des Theatertreffens möchte genau das untersuchen, indem die Quote ausgesetzt und eine neue Diskussionsrunde eingeführt wurde. Sie stützt ihre Entscheidung auf Untersuchungen, die von großen Fortschritten bei der Gleichstellung sprechen, aber auch von großen Unzulänglichkeiten.

Die Lohnlücke ist nicht geschlossen

Frauen sind im Theater in vielen Bereichen inzwischen ähnlich stark vertreten wie Männer. Heißt das auch, dass sie den gleichen Zugang zu Ressourcen haben? Man weiß, dass Fortschritte in der Repräsentation einfacher zu haben sind als beim Zugang zu ökonomischen oder politischen Ressourcen. Aus einem einfachen Grund: Es kostet weniger. Und am allerwenigsten kostet es, eine repräsentative Quote bei einem Festival zu fordern.

Nur über Geld redet wieder niemand. Typisch. Dabei bekommen Frauen im Theater weniger Geld als ihre männlichen Kollegen, wie man immer wieder hört. Die Datenlage ist lückenhaft, der Deutsche Bühnenverein hat immerhin vor kurzem mit der Erhebung begonnen und die Lücke zwischen acht Prozent bei Festangestellten und zwölf Prozent bei Freien beziffert. Oder ist sie größer? Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi gibt den sogenannten „Gender Pay Gap“ für Freiberufliche aus Daten der Künstlersozialkasse in Kunst und Kultur sogar mit 25 Prozent und für darstellende Künste und Film mit 33 Prozent an. Wie kann das sein? Braucht es ein deutlicheres Signal, dass da dringender Handlungsbedarf besteht und ganz sicher nicht nur beim Unterzeichnen offener Briefe?

Die Parole der Stunde lautet heute nicht mehr, die Tore der Theaterfabrik für Frauen zu öffnen, das ist längst passiert. Oder Frauen beim Betriebsfest einen Blumenstrauß zu überreichen. Heute heißt es: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit! Und was ist eigentlich aus der oft geforderten Vereinbarkeit von Familie und Beruf geworden? Wie steht es um den sogenannten „Gender Care Gap“, um Kinderbetreuung in Theatern?

Die Wahrheit ist: Was der offene Brief betreibt, ist keine Strukturdebatte, sondern eine Symboldebatte. Das Quotenvokabular ist für eine ernsthafte Debatte über die Zukunft des Theaters inmitten von Kulturkürzungen und Publikumsflucht, Sozialkahlschlag und Aufrüstung nicht zu gebrauchen. Und der erste Schritt zur Besserung ist, sich das einzugestehen.

Wenn sich die Repräsentationslücke immer weiter schließt, die Lohnlücke jedoch nicht, liegt offensichtlich genau an dieser Stelle ein Problem, das aus dem Schatten der Quote ans Licht gebracht werden muss. Yes, it’s the economy! Die Zahlen auf den Tisch: Wer verdient im Theater wie viel? Eine ehrliche Debatte über Ungleichheit im Theater beginnt mit dem längst Überfälligen: der Offenlegung von Gehältern und Gagen. Allen voran bitte die bereits erwähnten Intendanten.

Schreiben Sie einen offenen Brief an sich selbst, die Theatertreffen-Jury ist der falsche Empfänger! Verpflichten Sie sich zu transparenter und gerechter Entlohnung! Dafür braucht es weder Quote noch offene Briefe, sondern nur Ehrlichkeit und ein Ende der üblichen Tartüffereien der Theaterblase. Bei der Gelegenheit sollte man endlich auch einmal darüber nachdenken, warum man Menschen aus der Arbeiterklasse im Kulturbetrieb mit der Lupe suchen muss. Warum wird diese soziale Schließung so hartnäckig verschwiegen, während so viel von Diversität die Rede ist?

Herr Lilienthal, Frau Laufenberg, Herr Hillje und Frau Vanackere in Berlin, Frau Anders, Frau Lenk und Frau Deuflhard in Hamburg, Herr Beck in München, Frau Karabulut und Herr Sanchez in Zürich, Herr Rau in Wien, Herr Simons in Bochum, Frau Kara in Essen, Herr Weber in Dresden, Herr Boenisch in Hannover, Frau Biel in Ingolstadt, Herr Bösch in Linz, Herr Calis in Salzburg, Frau Grösch in Nürnberg, Frau Mikat in Halle, Herr Vontobel in Bern, Frau Mädler in Oberhausen, Herr von Düffel in Bamberg und die Teams in Basel, Wien und anderswo: Sie alle haben die historische Chance, eine ehrliche Debatte über die strukturelle Ungleichheit im Hochsubventionsbetrieb Theater anzustoßen.

Gehen Sie mit gutem Beispiel voran: Legen Sie Ihre Gehälter und Gagen offen. Warum ist das an den Theatern nicht sowieso üblich? Machen Sie transparent, wer an Ihren Häusern was gezahlt bekommt. Das ist der erste Schritt, um nach der Repräsentationslücke auch die Lohnlücke zu schließen. Lassen Sie Ihren schönen Worten jetzt große Taten folgen!

Liebe Unterzeichner des offenen Briefs: Leisten Sie Ihren Beitrag. Es geht nicht um ein paar Krumen symbolischer Anerkennung, sondern um die ganze Bäckerei. Zeigen Sie, dass es Ihnen ernst ist. Reden Sie über Geld! Ich erwarte Ihre Antwort. Nicht an mich, ich bin nur ein Kritiker. Sondern an die Öffentlichkeit, die Sie finanziert – und zwar nicht dafür, dass Sie schöne Seelen spielen, indem Sie von der Kritik fordern, was Sie selbst einzulösen haben. Und ich beobachte Sie dabei, kritisch wie immer. So wie es sein soll.

Jakob Hayner ist Mitglied der Jury des Theatertreffens. In seiner Antwort auf den offenen Brief spricht er für sich und nicht für die Jury.

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