Economía

Das vernichtende Urteil für die Rente mit 63

Das vernichtende Urteil für die Rente mit 63

Rentenexperten zucken innerlich zusammen, wenn sie den Begriff „Rente mit 63“ hören. Dass die Bezeichnung so populär geblieben ist, liegt auch daran, dass der eigentliche Name deutlich sperriger klingt: Altersrente für besonders langjährig Versicherte. Mit dem Alter 63 hat die Leistung inzwischen allerdings nur noch wenig zu tun. Für die heute betroffenen Jahrgänge liegt das frühestmögliche Eintrittsalter höher, für die ab 1964 Geborenen bei 65 Jahren.

Eingeführt wurde sie 2014 unter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der damaligen Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD). Seitdem gilt die Regelung vielen Ökonomen als Symbol einer verfehlten Rentenpolitik. Monika Schnitzer, die Vorsitzende der sogenannten Wirtschaftsweisen, etwa fordert die Abschaffung. Die Regelung setze falsche Anreize in einer alternden Gesellschaft und verschärfe den Arbeitskräftemangel.

Jedes Jahr könnte der Staat fast zehn Milliarden sparen

Unterstützung bekommt diese Sicht nun aus einer Richtung, die nicht im Verdacht steht, Sozialleistungen grundsätzlich infragezustellen. Die Bertelsmann Stiftung hat vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) untersuchen lassen, welche Folgen eine Abschaffung der Regelung hätte.

Das Ergebnis fällt bemerkenswert deutlich aus. Nach den Berechnungen könnte der Staat pro Rentnerjahrgang um rund 9,5 Milliarden Euro entlastet werden. Gleichzeitig würden dem Arbeitsmarkt zusätzliche Arbeitskräfte im Umfang von rund 125.000 Vollzeitstellen erhalten bleiben.

Die Studie analysiert dazu den Geburtsjahrgang 1957, den jüngsten Jahrgang, der bereits vollständig im Ruhestand ist. Die Forscher haben berechnet, wie sich die Erwerbsbiografien verändert hätten, wenn die abschlagsfreie Frühverrentung nicht existiert hätte. Ein Teil der Betroffenen wäre länger im Beruf geblieben, andere wären weiterhin vorzeitig in Rente gegangen und hätten dafür Abschläge in Kauf nehmen müssen. Beides zusammen würde die öffentlichen Kassen deutlich entlasten.

Allein die gesetzliche Rentenversicherung würde dadurch rund 10,4 Milliarden Euro sparen. Dabei handelt es sich um die Einsparungen über die gesamte Rentenbezugsdauer dieses Jahrgangs. Ein Teil dieser Einsparungen würde allerdings durch geringere Einnahmen bei Kranken- und Pflegeversicherung sowie bei Steuerzahlungen wieder aufgezehrt werden. Unter dem Strich bliebe dennoch eine gesamtstaatliche Entlastung von etwa 9,5 Milliarden Euro.

Bemerkenswert ist dabei vor allem die Größenordnung. Seit Jahren ringen Bundesregierungen mit steigenden Rentenzuschüssen aus dem Bundeshaushalt. Allein 2025 fließen weit mehr als 120 Milliarden Euro Steuergeld in die gesetzliche Rentenversicherung. Vor diesem Hintergrund wirken Einsparpotenziale im Milliardenbereich politisch durchaus relevant.

Noch relevanter ist aus Sicht der Studienautoren allerdings ein anderer Effekt. Deutschland diskutiert seit Jahren über Fachkräftemangel, alternde Belegschaften und die Frage, wie das Arbeitskräfteangebot stabilisiert werden kann. Die abschlagsfreie Frühverrentung wirkt genau in die entgegengesetzte Richtung. Sie schafft für den Einzelnen einen finanziellen Anreiz, den Arbeitsmarkt früher zu verlassen.

Wer dank Rente mit 63 wirklich früher in Rente geht

Nach Berechnungen der Forscher würden durch eine Abschaffung der Regelung rund 125.000 Menschen zusätzlich in Vollzeit arbeiten. Im theoretisch möglichen, aber praktisch unvorstellbaren Extremfall, in dem alle Betroffenen bis zur Regelaltersgrenze weiterarbeiten würden, läge der Effekt sogar bei mehr als 300.000 Vollzeitstellen.

Besonders brisant ist dabei ein weiterer Befund der Untersuchung. Die „Rente mit 63“ wird politisch häufig damit begründet, sie solle Menschen nach einem besonders langen und belastenden Arbeitsleben einen früheren Ausstieg ermöglichen. Die Daten zeichnen jedoch ein anderes Bild.

Profiteure der Regelung sind vor allem Menschen, die über Jahrzehnte hinweg durchgehend gearbeitet und Beiträge gezahlt haben und die im Erwerbsleben keine Brüche oder lange Phasen mit Arbeitslosigkeit hatten. Sie verfügen im Durchschnitt über deutlich höhere Rentenansprüche als andere Rentner. Die durchschnittliche Monatsrente der Bezieher liegt laut Studie bei rund 1650 Euro, und damit deutlich über dem Niveau gleichaltriger Altersrentner. Männer nutzen die Regelung zudem deutlich häufiger als Frauen.

Hinzu kommt ein weiterer Befund, der nicht so recht zum Bild besonders erschöpfter Arbeitnehmer passt: Rund ein Viertel der Bezieher bleibt auch nach Renteneintritt erwerbstätig, meist in Form von Minijobs oder anderen Nebentätigkeiten.

Wofür die Experten plädieren

Die Forscher kommen deshalb zu dem Schluss, dass die Regelung keineswegs zielgenau jene Gruppen unterstützt, die körperlich oder gesundheitlich besonders belastet sind. Viele Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen erreichen die erforderlichen 45 Versicherungsjahre gar nicht, weil sie bereits früher aus dem Erwerbsleben ausscheiden mussten.

Begünstigt werden stattdessen vor allem Beschäftigte mit durchgehenden Erwerbsverläufen und vergleichsweise hohen Alterseinkommen. Ein typisches Beispiel: Der langjährige Sparkassenangestellte, der dort schon nach der Schule seine Ausbildung gemacht hat.

Die Autoren plädieren für eine Reform, die Rücksicht auf Härtefälle nimmt. Gerade Menschen mit eingeschränkter Erwerbsfähigkeit könnten ihre Arbeitszeit häufig nicht verlängern. Sie müssten dann entweder länger in belastenden Berufen arbeiten oder dauerhaft Rentenabschläge akzeptieren. Statt einer pauschalen Abschaffung schlagen die Autoren deshalb gezieltere Lösungen vor.

So könnte die Regelung künftig auf Menschen beschränkt werden, die aus gesundheitlichen Gründen tatsächlich nicht bis zur regulären Altersgrenze arbeiten können. Auch eine Einkommensgrenze wäre denkbar, sodass vor allem Beschäftigte mit niedrigen Einkommen profitieren. Als weitere Möglichkeit nennen die Forscher eine stärkere Grundrente, um mögliche Rentenverluste abzufedern. Der Grundrentenzuschlag, mit der kleine Renten aufgestockt werden, könnte dafür erhöht werden. Denkbar wäre aber beispielsweise auch, den Kreis der Berechtigten auszuweiten.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland„ erstellt.

Tobias Kaiser verfolgt als Senior Editor Arbeit & Soziales die großen Verschiebungen in Arbeitswelt und Gesellschaft und die Reaktionen der Politik.

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