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„Es wird bald schon keine Smartphones mehr geben“

„Es wird bald schon keine Smartphones mehr geben“

„You do not move your eyes from the screen“, hypnotisiert der Fernseher. „You have become invisible.“ Vor dem Bildschirm liegt eine schmale Matratze, über die der mit Internetbildern bedruckte Stoff drapiert wurde. Stoff, der auch die hohen Wände bedeckt und den Keller des Museums in eine Höhle verwandelt.

Ich habe einen Kopfhörer auf, niemand bekommt mit, was da gesprochen wird, denn es sind viele Bildschirme in diesem einen Raum. Er präsentiert das Frühwerk des Jon Rafman, aus den noch recht unschuldigen 2000ern. In den von ihm zusammengeschnittenen Internetvideos tun Menschen in Furry-Kostümen unaussprechliche Dinge miteinander. Es ist das Lebensgefühl derer, die ihr Leben vor Bildschirmen verbringen – damals waren es wenige, heute tun wir das eigentlich alle.

Der 1981 geborene Kanadier Jon Rafman nimmt sein Material aus Videospielwelten und Internetforen. Er schneidet es zusammen, mischt andere Musik darunter und baut fantastische Medienkunst daraus. In der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen hat er nun seine erste Überblicksschau – und setzt dem Minimalismus des White Cube einen Maximalismus des versifften Gamer-Zimmers entgegen. Da gibt es Gamingstationen, die wie Dschungelhütten aussehen, ein riesenhaftes Sofa, auf dem eine von ihm geschaffene KI-Alternativversion des guten alten MTV läuft („Main Stream Media“), und eine Serverfarm, in der verlorene Seelen von Verschwörungstheorien, Post-Internet-Männlichkeitswahn und rein privat geprägten Mythologien erzählen.

Das macht Spaß und es gruselt. Wo man in der Kunst sonst gern genötigt wird, langsame Einstellungen mit bedeutungsschwangeren Dröhneffekten und enervierenden Audiokommentaren auf einer harten Bank in einem lieblos abgedunkelten Raum zu verfolgen, schafft Rafman im Düsseldorfer Museumskeller eine Landschaft, die man betritt wie einen verwunschenen Wald.

Man kann in der Ausstellung auch entspannen wie im Wald. Überall warten Matratzen, Schaumstoff-Sessel, mit PVC überzogene Sofas. Satzfetzen und elektronische Musik wehen einen wie Vogelstimmen aus den vielen Winkeln heraus an, der Boden ist bunt und uneben, wegen der Folien, und es riecht angenehm künstlich, wegen der vielen Kunststoffe, die hier verwendet werden, und manchmal wie warmer Computer. Maximale Immersion. In einem Saal ist man auf Augenhöhe mit der Wasseroberfläche, der Teich am Museum wird von üppigen Pflanzen umstanden und von Gänsen durchschwommen, die man durch Lücken im Bilderteppich erkennt.

„Es wird bald schon keine Smartphones mehr geben“, sagt Rafman vor den Bullaugen stehend. Dann komme etwas Neues. Es drehe sich bald nicht mehr alles um den Bildschirm, die Realität und die simulierte Realität stürzten ineinander. Trotzdem ist seine Arbeit natürlich von den Hervorbringungen des Bildschirmzeitalters durchdrungen. Das ist das Paradoxe bei diesem Künstler: Er ist mit seinen Werken ganz vorne dran und kommt doch nostalgisch immer zu spät.

Rafman malt übrigens auch. Entlang einer mit orangem Stoff verhangenen Wand sind Gemälde der Serie „ebrah k’dabri“ aufgereiht. Umgangssprachlich ist die hebräische Formel als „Abrakadabra“ bekannt und bedeutet sinngemäß: „Ich erschaffe durch das Wort“ oder „Ich erschaffe, wie ich spreche“. Es sind auf die Leinwände aufgedruckte Darstellungen von Menschen in extremen Situationen. Geschmolzene Visagen. Unwahrscheinliche Körper. Es sind wirklich interessante Bilder, geschaffen mit Prompts, also mit Worten. Aus der Maschine so etwas an sich Unzureichendes herauszuholen, war vor ein paar Jahren einfach möglich. Heute, sagt Rafman, ist die Bilderstellung viel zu ausgefuchst, um derart krude Darstellungen auszugeben, man müsste sie sozusagen künstlich wieder verdummen.

Was soll man noch glauben?

Wo es auf den ersten Blick um die Gegenwart geht, um den letzten heißen Scheiß, ist eigentlich eine Wehmut zu spüren. „Manchmal habe ich das Gefühl, rückwärts zu gehen. Nicht in dem Sinne, dass ich mich zurückbewege, sondern dass ich voranschreite, während ich nach hinten schaue.“ Die Filme der Reihe „Counterfeit Poast“ (2022–23) sind mit derselben Technologie wie die Bilder algorithmisch generiert und geben vor, Fundstücke zu sein. Doch der Künstler hat sich diese Internet-Erzählungen selbst ausgedacht, wie die des texanischen Mannes, der davon überzeugt ist, ein Pirat in Somalia gewesen zu sein, und sich in einen Mitpiraten verliebte, dem er nun elegisch nachweint, aber mit dem Vokabular von therapieerfahrenen US-Rednecks.

Was soll man noch glauben? Was ist wahr? Mit Google Street View begann die Karriere des in Montreal geborenen Rafman. Er verbrachte unzählige Stunden damit, den Planeten virtuell abzulaufen. Für „9 Eyes“ sammelte er groteske, komische oder unheimliche Szenen. Bilder, aufgenommen von einer Maschine ohne Bewusstsein, aber voller echter Menschen. Menschen, die zufällig dort standen, als das Google-Auto durch ihre Straße fuhr. Für Rafman produziert Google Street View die „letzten objektiven Bilder unseres Zeitalters“. Heute kann man keinem Bild mehr trauen. Wem dann? Der Kunst als solcher? Indem man sie alles auffangen lässt?

Wir verlassen die Höhle und unterhalten uns weiter auf der Terrasse des Museumscafés. Rafman installiert seit zehn Tagen. Das ist viel. „Die Ausstellung war mit Abstand die schwierigste, an der ich je gearbeitet habe, weil sie so groß und monumental ist.“ Ob ich das Gespräch aufnehmen werde? Er sowieso. Rafman hat da einen grauen Riegel an die Rückseite seines iPhones gesteckt, der seine E-Mails liest und Gespräche aufnimmt und ihm dann abends zusammenfasst, was er tagsüber getan hat. Rafman demonstriert mir die App, die ich als Hinterwäldler mit einem einfachen ChatGPT-Abo natürlich nicht kenne. So sitzen wir bei Eiskaffee und reden über Los Angeles, wo er lebt, und dessen Film- und Entertainmentindustrie sich Rafman zufolge in den letzten Zuckungen befindet, aber immer noch relevant ist.

Es gebe keine neuen Stars mehr dort, sagt er. Nur die Kinder der alten. Mit einigen von ihnen ist er befreundet, gerade gestaltete er ein „Interview Magazine“-Stück über Grimes: „Gibt es heute überhaupt noch Rockstars? Taylor Swift ist vielleicht die Einzige. Und selbst sie ist irgendwie eine Nischen-Subkultur.“ Wir streiten kurz darüber, ob man die Swifties ernsthaft als Subkultur bezeichnen kann. Früh schöpfte Rafman selbst aus einer anderen, tatsächlich riesigen Subkultur: aus 4chan, jenem anarchischen Internetforum, das Memes, digitale Mythen und zahllose Online-Gemeinschaften hervorbrachte.

Jeder habe heute seinen eigenen Feed, sagt Rafman, jeder sehe andere Bilder, erhalte andere Wahrheiten. In diese hyperfragmentierte Welt steuern wir blindlings hinein – aber Rafman nimmt sich die Zeit, ihr Werden und Vergehen zu verarbeiten.

Es ist eine herausfordernde Kunst, die hier ab 16 Jahren empfohlen wird. Im Untergeschoss des K21 laufen einige der bizarrsten Bewegtbilder, die deutsche Museumswände je ertragen mussten. Rafmans zwischen 2016 und 2019 entstandener, neunzig Minuten langer Film „Dream Journal“ ist eine nicht endende Folge von Metamorphosen. Er wurde 2019 erstmals auf der 58. Kunstbiennale von Venedig gezeigt – und ließ viele sprachlos zurück, die inmitten eher traditioneller, handgemachter Kunst in eine Parallelwelt gebeamt wurden. Mit 3D-Software erschaffene digitale Wesen treten in „Dream Journal“ auf, tun unaussprechliche Dinge miteinander und verschwinden wieder. Alles begleitet von einem betörenden Soundtrack. Als hätte man einem Open-World-Videospiel eine Psychose verpasst.

Auf bequemen Sesseln sieht man sich das an. Immer wenn man glaubt, das Füllhorn der Einfälle müsse nun erschöpft sein, wird es noch seltsamer. Die eigene Vorstellungskraft so schrankenlos mit den Möglichkeiten der digitalen Unterhaltungsmaschine zu verbinden, so wenig Selbstzensur zu üben und so assoziativ zu arbeiten wie ein Surrealist mit einer Serverfarm im Vorgarten – das ist im Moment einzigartig. Die Kunstwelt mag heutzutage oft langweilig und vorhersehbar sein – Jon Rafman ist es nicht. Endlich kann man sein betörendes Werk in ganzer Fülle erleben.

Jon Rafman – Main Stream Media, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen Düsseldorf, bis 27.9.2026, es erscheint ein Katalog

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