Dresden – Trockene Zapfhähne, verwaiste Stammtische: In Deutschland schließen immer mehr Kneipen. Für den Dresdner Politologen Oliviero Angeli (53) ist das mehr als nur der Verlust eines beliebten Treffpunkts. Der Experte sieht im Kneipensterben auch eine Gefahr für unsere Demokratie. Er vertritt die These: „Kneipen sind Infrastruktur gegen Polarisierung. Dort begegnen sich Menschen, die sonst wenig miteinander zu tun haben, und sprechen über konkrete Alltagsprobleme: den fehlenden Radweg, das Freibad, das schließt, oder die Frage, was im Ort gerade passiert.“
Angeli ist Koordinator des Mercator Forums Migration und Demokratie (MIDEM), das an der TU Dresden zu Hause ist. Beim Bier am Tresen geht es oft um Sorgen, die viele teilen. Genau das könne verhindern, dass sich politische Lager immer weiter voneinander entfernen, glaubt Angeli. Der Politologe weiter: „Schließen Kneipen, gehen diese Räume verloren. Menschen weichen auf soziale Medien aus, in denen eher zugespitzte und ideologisierte Großkonflikte dominieren. Lagerdenken kann hier besser gedeihen.“
Warum Streiten wichtig ist
Entscheidend sei nicht das Bier, sondern das Miteinander, so Angeli. In der Kneipe lernten Menschen ihre Nachbarn als Personen mit eigenen Sorgen und Erfahrungen kennen und nicht nur als politische Gegner. Dabei kann es durchaus auch kontrovers zugehen: „Wir müssen über zentrale politische Themen streiten können. Das unterscheidet Demokratien von nichtdemokratischen Systemen.“ Problematisch werde es erst, wenn politische Gegner als Feinde wahrgenommen würden und Kompromisse als Verrat gälten.
Der Politologe warnt zudem davor, dass andere politische Gruppen immer stärker emotional abgelehnt werden – Fachleute nennen das „affektive Polarisierung“. Deutschland sei davon zwar betroffen, liege aber noch deutlich unter dem Niveau der USA. Als Schutz sieht Angeli das deutsche Mehrparteiensystem.