Der Roman „Ulysses“ von James Joyce ist wahrlich keine Kurzgeschichte. Er gehört zu den bedeutendsten Monumentalwerken der Weltliteratur. Und ist mit fast 1000 Seiten gleichzeitig das am seltensten zu Ende gelesene Buch.
Nicht zu Ende lesen können sich Richter nicht leisten. Einer bekam vor einiger Zeit eine Klageschrift mit 4500 Seiten auf den Tisch. Geschrieben von Künstlicher Intelligenz (KI). Und anders als „Ulysses“ konnte der Richter das Werk nicht ungelesen ins Regal stellen.
Willkommen beim neuesten Problem des an Problemen wirklich nicht armen deutschen Rechtsstaats.
Es gibt in Deutschland Gerichte, vor denen man zumindest in den unteren Instanzen auch ohne Anwalt klagen kann. Sozialgerichte zum Beispiel, die für Ärger mit dem Jobcenter oder der Rentenversicherung zuständig sind. Das ist gut so, denn jeder Bürger soll zu seinem Recht kommen können, auch wenn er sich keinen Anwalt leisten kann.
Doch seit neuestem hat nahezu jeder Kläger einen juristischen Helfer: ChatGPT. Die KI produziert in Sekundenschnelle endlose Klageschriften. Vollgestopft mit Paragrafen und Fachbegriffen. Und sehr gerne garniert mit Gerichtsurteilen, die es gar nicht gibt.
Nun muss jeder Schriftsatz geprüft werden. Auch wenn schon auf Seite 2 erkennbar ist, dass KI der Autor ist, und auf 1000 Seiten nur allgemein schwadroniert wird. Es könnte ja – theoretisch – auf der vorletzten Seite noch ein vernünftiger Satz stehen.
Die Folge: Überall in Deutschland explodiert die Zahl der Klagen, vor allem an Sozial- und Zivilgerichten. In Baden-Württemberg ist die Zahl der Eilverfahren an den Sozialgerichten in nur einem Jahr um 60 Prozent gestiegen, bei Bürgergeld-Streitigkeiten sogar um 80 Prozent. In Bayern stieg im ersten Halbjahr 2026 die Zahl der Klagen bei Bürgergeld-Streitigkeiten um 60 Prozent.
Ich stelle fest: Wir haben Maschinen erfunden, die uns die Arbeit abnehmen sollen. Und jetzt merken wir, dass sie Menschen ungeheuer viel zusätzliche Arbeit machen.
Das ist in der Justiz besonders gefährlich. Während Richter sich durch endloses Geschwafel arbeiten müssen, bleiben noch mehr Akten als ohnehin schon liegen. Heißt: Menschen, denen tatsächlich Unrecht geschehen ist, die z. B. gegen die Rentenversicherung oder die Pflegekasse klagen, müssen sich gedulden. Monat um Monat. Obwohl sie eigentlich darauf vertrauen dürfen, dass der Rechtsstaat ihr Anliegen in angemessener Zeit behandelt.
Die Bundesjustizministerin plant eine Reform des Prozessrechts – mit Vorgaben für Format und Länge von Schriftsätzen. Andere schlagen vor, die Gerichte auch mit KI auszustatten. Dann könnte eine Maschine die Klage schreiben und die andere sie zusammenfassen.
Konsequent zu Ende gedacht, könnte dann ja auch eine dritte Maschine das Urteil formulieren. Der KI-Richter entscheidet dann. Im Namen des Volkes. Oder im Namen der Roboter?
Ist das die spannende, gelobte Zukunft? So hatte ich mir das nicht vorgestellt.
Während heute diskutiert wird, ob die KI irgendwann die Menschheit ausrotten könnte, sehe ich eine viel banalere Gefahr: Die KI muss gar nicht hyper-super-duper-klug sein, um unsere Institutionen lahmzulegen. Es reicht, wenn sie schneller Unsinn produzieren kann, als Menschen ihn widerlegen können.